Beitrag vom 29. Dezember 2009Keine Kommentare
peer-to-peer

Internet und soziales Netzwerken. Zwei Aspekte, die derart eng miteinander verknüpft sind. Allerorten Freundesnetzwerke. In Kontakt bleiben – vielleicht auch im Gespräch. Flirten und verabreden. Doch peer-to-peer kann noch mehr.

Auf die Schnelle fällt mir kaum ein Wort ein, welches derart negativ belegt ist wie „Kredit“. Vor Jahrhunderten war es „der böse Jud“, der mit seinem Kreditwesen die Menschen peinigte. Durch die Zeit blieb dieses merkwürdige Klischee erhalten. Faschisten oder Kommunisten ergossen sich in Hasstiraden auf den weltweit agierenden zionistischen Finanzimperialismus. Gut, Kredite nahmen auch sie. Aber das war etwas anderes. Selbst in der Gegenwart funktioniert das negative Rollenbild des geldgierigen Bänkers. Raffgierig und verschlagen. Und ganz vorn dabei, wenn es ums absahnen geht. Kredite sind überall. Mal als Ursprung von Katastrophen, wie beim Zusammenbruch der Immobilien-Kredit-Branche in den USA. Mal als „normales“ Instrument zur Finanzierung der eigenen vier Wände. Und mal als Instrument der Entwicklungshilfe.

So genannte Mikrokredite werden seit einigen Jahrzehnten an Menschen vergeben, die sich dadurch ihre eigene Existenz aufbauen sollen. Das Thema der Mikrokredite ist gegenwärtig medial überrepräsentiert und der Interessierte verliert dabei schnell den Überblick. Zu unterschiedlich ausgeprägt sind die Formen der Mikrokredite. Zu unterschiedlich die Strategien. Doch dazu später mehr. Der vermeintliche Erfinder des etablierten Mikrokreditwesens Muhammad Yunnus erhielt für sein Engagement für „die Entwicklungshilfe von unten“ im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis. Die UN rief das Jahr 2005 zum Jahr der Mikrokredite aus. Da sich in den letzten beiden Jahren viel getan hat, sollen im Folgenden zwei Formen von peer-to-peer-Kredit-Finanzierung beschrieben werden.

Meist ist mit dem Wort Mikrokredit das Bild einer Frau aus Indien oder Bangladesh verbunden. Diese erhält einen kleinen Betrag, meist bis etwa 1000$, mit welchem sie ihre Geschäftsidee umsetzen kann. So werden unterschiedliche Existenzgrundlagen geschaffen. Nach dem Vorbild sozial verträglicher Kreditvergabe. Die Formen von Krediten sind da unterschiedlich. Viele müssen bis zu 20% Zinsen zahlen. Andere sind nahezu zinsfrei. Allen gemein scheint eine enorm geringe Ausfallquote zu sein, die meist unter 5% liegt – oft noch weit darunter.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich so ein System, welches meist von Fondsgesellschaften dominiert wird. Diese sammeln Investitionsgelder ein und verteilen diese an seriöse Mikrofinanz-Institute, von denen weltweit ungefähr 10.000 Mikrokredite an die Bevölkerung vergeben. Nun, bei 10 bis 20% Zinsen, kann man sich vorstellen, dass sich dieses Geschäft für die Fonds durchaus rechnet. Absolut geringe Ausfallquote = geringes Risiko? Entwicklungshilfe als Business? Ist es dann noch Entwicklungshilfe?

In den letzten Jahren etablierte sich parallel ein System der Mikrokreditvergabe, das einen weniger finanziell gesteuerten Weg beschreitet, wie beispielsweise Kiva. Kiva stellt die Plattform für ein peer-to-peer-Netzwerk. Der Einzelne kann sich individuell beteiligen, in dem er sich eine Person auswählen kann, die er finanziell bei einer Geschäftsidee unterstützen möchte. Es gibt namenhafte Partner für die Finanzierung von Kiva und lokale Feldinstitute, die die Kreditnehmer lokal betreuen. Auf Kiva.org kann für jeden dieser Partner der gegenwärtige Gesamtbetrag eingesehen werden und wie hoch die Ausfallquoten der Kredite bei bestimmten Kreditinstituten sind. Schaut man sich die Daten auf der Seite an, dann ist festzustellen, dass etwa 3500 Kredite nicht zurückbezahlt werden konnten. Dagegen stehen mehr als 88000 erfolgreich getilgte Kredite. 66000 zahlen gegenwärtig noch zurück. Zinsen nimmt in diesem System lediglich lokale Kreditinstitut zur, wie es heißt, Deckung des Verwaltungsaufwandes. Darlehensgeber können sich mit den Kreditnehmern verbinden. Und untereinander Teams bilden.

Das gesamte Mikrokreditwesen ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker geben an, dass es in vielen Ländern in erster Linie nicht an Geld, sondern an Strukturen mangelt. Die Macher von Kiva wissen um diesen Umstand und geben an, dass ihr Engagement zeitlich beschränkt sein soll und ihr Wirken behilflich sein soll, eben jene funktionierenden Strukturen zu etablieren.

Smava hingegen ist ein, wie sie selbst angeben, Marktplatzbetreiber, der zwischen Geldgebern und -nehmern die Brücke schlagen möchte. Irgendwie auch ein Mikro-Kredit-Vermittler. Dabei steht doch deutlich der Renditegedanke im Vordergrund. Jeder (auf das deutschsprachige Gebiet beschränkt- glaub ich) kann sein Kreditprojekt vorstellen und erhält gegebenfalls von verschiedenen Anlegern den angegeben Betrag. Für das neue Motorrad, für neue Möbel oder für die Renovierung des Ferienhauses. Nun ist es aber so: Smava prüft nach Einverständnis der Kreditnehmer bei der Schufa die Bonität. Je nach Kreditwürdigkeit ergibt sich aus der Bonität ein Index von A bis M. A ist gut. M dann eher weniger gut. Aus diesen Werten errechnet sich der jeweilige Zinssatz des Projektes, wobei Smava selbst nur „Kreditanträge“ bis H erlaubt. So ergeben sich auch Zinssätze von 7 bis 15%. Und je geringer die Bonität wird, desto größer wird folglich statistisch auch die Kredit-Ausfallquote. Und Smava nimmt Gebühren. Die Möglichkeit trotz eingeschränkter Schufa-Würdigkeit Kredite zu bekommen, ist an sich eine tolle Sache. Smava gibt an: „Es menschelt in der Kreditvergabe“. Menscheln hin oder her – bleibt es doch letztlich nur ein Business!

Betterplace.org funktioniert als Plattform ähnlich – und doch ganz anders. Betterplace bietet die Plattform und der Einzelne kann sich Projekte aussuchen, denen er Spenden zukommen lassen will. Und das ist der wesentliche Unterschied. Es handelt sich um Spenden. Gerade ist die Weihnachtszeit vorüber gezogen und wenige große und namenhafte Organisationen sammelten Spenden für den guten Zweck. Nur wohin geht meine Spende und kann ich mir sicher sein, dass meine Spende nicht für den Verwaltungsaufwand drauf geht? Betterplace nutzt den peer-to-peer-Effekt. Einzelne oder Firmen können spenden. Einzelne oder Organisationen können auf betterplace.org ihr Projekt vorstellen und geben an, welchen Betrag sie zur Umsetzung ihres Projektes benötigen. Der Unterschied ist, dass es Projekte sind. Also der Bau von Schulen. Oder die Unterstützung von Flüchtlingen, Kältehilfe oder die Etablierung von Hausarbeitenhilfe und Tutoren für Schulkinder. Projekte werden in Berlin, Herne, Sambia oder Bhutan angeboten. Die Hilfe soll zu 100% an das gewählte Projekt gehen. Es gibt die Möglichkeit Projekte zu besuchen und via betterplace.org zu berichten. Und betterplace gibt an, dass Hilfe in Form von Wissen und Zeit gleichermaßen angeboten werden können. Also eine ziemlich gute Sache. Wenngleich die Betreiber, mit Blick auf das Volumen ihrer Spenden, den großen Organisationen noch um einiges nachstehen, so steigen die Teilnehmer und der Betrag der gesammelten Spenden stetig. Gerade unter den Internetusern im Alter von 14-49 Jahren. In der Zukunft wollen wir uns mit betterplace.org ausführlicher beschäftigen, ein Projekt exemplarisch begleiten und womöglich selbst eines initiieren.

So zeigt sich, dass es unterschiedliche Formen der direkten und unmittelbaren Hilfe gibt. Hier, um die Ecke oder am anderen Ende der Welt.

www.kiva.org
www.smava.de
www.betterplace.org

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