Beitrag vom 10. Januar 2010Keine Kommentare
Etwas übersehen?

Kaum ein Tag vergeht, an dem sich Ariane nicht fragen würde, ob sie Anzeichen übersehen hat. Hätte sie Anzeichen sehen müssen? Während des Tages schafft sie es, sich mit ihrem Halbtagsjob etwas abzulenken. Vor und nach der Arbeit verdrängt sie das Geschehene. Schließlich muss die Kleine versorgt werden. Noch ist sie zu klein, um ihre Mama zu fragen, wo Papa hingegangen ist. Vor genau diesem Moment fürchtet sich Ariane. Dann wenn ihr Problem nicht mehr allein ihr Problem ist.
Tobias machte sein Abi mit sehr gutem Durchschnitt. Studierte zielorientiert und wurde danach sofort von einer großen Firma eingestellt. Im Laufe der Jahre arbeitete er sich nach oben. Mit jeder Stufe erhöhte sich sein Einkommen, aber gleichermaßen auch die Verantwortung, die er zu tragen hatte. Verantwortung gegenüber den Projekten und den Mitarbeitern – in gewisser Weise seine Angestellten. Druck war er gewöhnt. In der Schule und an der Uni setzte er sich häufig selbst unter Druck. Er wollte allen Anforderungen gerecht werden. Aber im Laufe der Jahre nahm der Druck von außen stetig zu. Längere Arbeitszeiten. Höhere Erwartungen. Er wurde immer häufiger die Zielscheibe auf der mittleren Hierarchiestufe. Wenn Projekte nicht so liefen, wie es sich die Oberen vorstellten. Oder er die angeordneten Verschlankungsmaßnahmen nicht umgehend umzusetzen vermochte. Entlassungen. Erhöhung der Arbeitsnormen und -zeiten. Die erste Zeit hatte Ariane unter Tobias zu leiden. Er benutzte sie als Ventil. Die neue Arbeitssituation nahm ihm die Luft und er versuchte die negative Energie durch Streitigkeiten loszuwerden. Zuerst brachte Ariane noch Verständnis auf. Ertrug die Tiraden und akzeptierte das Ungleichgewicht. Nach einigen Monaten zog sie jedoch die Notbremse. Tobias ging scheinbar in sich und versuchte durch Sport Ausgleich zu erlangen. Es schien zu funktionieren. Zwar war Tobias nun noch seltener daheim, doch wenn, dann war es weitgehend harmonisch. Trotzdem entfernten sich Ariane und Tobias zunehmend voneinander. Die Monate zogen ins Land. Bald bestanden Gespräche nur noch aus wenigen Sätzen. Ariane hatte das Gefühl, Tobias nicht mehr erreichen zu können. Zwei Menschen mit unterschiedlichen Leben und gemeinsamer Wohnung. Und gemeinsamem Kind. Noch war Ariane weit davon entfernt, einen Schlussstrich ziehen zu wollen. Sie war der Meinung, dass alles wieder gut werden könnte. Nur der richtige Zeitpunkt für das entscheidende Gespräch abgewartet werden sollte.
Fast wie in der Geschäftswelt vereinbarten Ariane und Tobias für den kommenden Freitagabend einen Termin miteinander. Ariane bereitete diesen Abend voller Hoffnung liebevoll vor. Gegen 19 Uhr läutete es an der Tür. Zwei Polizeibeamte und ein Seelsorger setzten sie davon in Kenntnis, dass sich Tobias gegen 16 Uhr durch einen Sprung von einer Brücke das Leben genommen hatte. Im Nachhinein erfuhr Ariane, dass Tobias stark tablettenabhängig war und scheinbar seit mehreren Monaten an einer schweren Depression litt, die seine suizidalen Gedanken vermutlich hervorriefen.

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Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass 12 bis 20 Millionen Menschen in Deutschland eine Anfälligkeit für eine depressive Erkrankung besitzen. Depression ist ein Krankheit. Nicht jedes Stimmungstief ist das Vorzeichen einer Depression. Es gibt unterschiedliche Formen von Depressionen. Und die möglichen Faktoren, die eine depressive Erkrankung auslösen können, sind mannigfaltig. Man muss kein Experte sein, sondern es genügt, das Thema psychische Erkrankungen gesellschaftlich noch weniger zu tabuisieren. Die Zahl der Suizide sank von 18451 im Jahr 1980 auf 9402 im Jahr 2007. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – ein wesentlicher Aspekt dürfte jedoch die langsam beginnende Entstigmatisierung der Depression sein. Wenn Stress und Umweltfaktoren zur Entwicklung einer depressiven Erkrankung beitragen können, dann sollten wir versuchen, unnötigen Stress zu vermeiden. Es ist mit Sicherheit leichter gesagt als getan – doch jeder sollte abwägen, ob der Stress im Job die Risiken kalkulierbar und erträglich macht. Und wir alle sollten wirklich einmal überlegen, ob das Leistungsdenken, welches viele Menschen nur noch als Ressource und bloße Nummer einer Personalabteilung behandelt, unserem Selbst und unserem menschlichem Miteinander zuträglich sind. Nach dem Tod von Robert Enke bestand ein hohes mediales Interesse. Dieses ebbte schnell wieder ab und es liegt nun an uns, dass diese Thematik nicht beständig hinter tagesaktuellen Schlagzeilen verborgen bleibt.

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