Beitrag vom 9. Februar 2010Keine Kommentare
cradle to cradle

In meiner Vorstellung war die Bundesrepublik Recycling-Meister. Eine Gesellschaft, die Strukturen etabliert hat, um weitestgehend Kreisläufe von Rohstoffen zu etablieren, bei dem wenig Abfall über bleibt. Doch da habe ich mich wohl ein wenig getäuscht.

Im WDR lief eine Reportage mit dem Titel „Nie mehr Müll – Leben ohne Abfall“. Die Sendung zeigte nicht nur, inwiefern in der Gegenwart Rohstoff-Zyklen von der Produktion bis zum Wiederverwertungs-Prozess vorhanden sind, sondern erläuterte einen Ansatz der Produktion von Produkten mit dem Namen „Cradle to Cradle“.

In Deutschland gibt es wohl eine starke Müll-Lobby. Mit Müll lässt sich Geld verdienen. Aus diesem Grund wird sogar Müll aus Italien oder Australien in die Bundesrepublik transportiert, um diesen in modernen Müllverbrennungsanlagen zu vernichten. Laut den gesetzlichen Vorgaben dürfen nur Abfälle verbrannt werden, die nicht anderweitig umweltverträglich behandelt werden können. Da sich dieses Geschäft auf Grund der gestiegenen Müllentsorgungspreise lohnt, werden sich in naher Zukunft 75 Müllverbennungsanlagen dem Müll in der Bundesrepublik annehmen.

Anstatt Abfall, der nicht umweltverträglich entsorgt werden kann, durch die Esse zu jagen, setzt sich langsam aber stetig international ein nachhaltiges Programm immer mehr durch, welches mittlerweile gleichermaßen große Unternehmen zum Umdenken bewegen konnte. Es nennt sich Cradle to Cradle – und wird mit „von der Wiege zur Wiege“ übersetzt. Dabei werden Produkte so hergestellt werden, dass deren Bestandteile vollständig wiederverwendet werden können beziehungsweise in einen Kreislauf zurückfließen. Dabei gibt es zwei verschiedene Verfahren. Ein großes Unternehmen von Büromöbeln hat seine Produktion derart umgestellt, dass sämtliche Bestandteile erneut in die Produktion von neuen Waren fließen kann. Der zweite Weg ist, dass Produkte derart gestaltet sind, dass sie natürlich abgebaut werden können. Ein großes Unternehmen für Sportkleidung entwickelte den vollständig kompostierbaren Sportschuh.

Allen Konzepten gemein ist der Grundgedanke, dass sämtliche Bestandteile eines Produkts Nährstoffe sind. Entweder biologische oder technische Nährstoffe. Um dies zu verdeutlichen, hier zwei Beispiele.

In vielen Waren sind Bestandteile verarbeitet, dessen Unbedenklichkeit für die menschliche Gesundheit angezweifelt werden. Eigentlich sollte Kleidung generell verträglich und unbedenklich sein. Ist sie aber nicht. Gerade im Bereich des Färbens entstehen oft Stoffe, die über das Tragen in den menschlichen Organismus gelangen können. Und zusätzlich sind synthetische Stoffe verarbeitet, die nicht biologisch abbaubar sind. Also haben deutsche Unternehmen Textilien entwickelt, die Cradle zu Cradle sind. Sämtliche Bestandteile sind biologisch abbaubar und wenn das T-Shirt nicht mehr gefällt, dann wirft man es auf den Komposthaufen.

Teppichunternehmen verwenden häufig Bitumen, damit die Ware auf dem Boden gut haftet. Bitumen dämpft jedoch, ähnlich wie Weichmacher, Stoffe aus, die im Verdacht stehen, gesundheitsschädigend zu sein. Produktionsprozesse mussten überdacht und neue Bestandteile entwickelt werden. Im Ergebnis stehen Produkte, die komplett wiederverwertet werden können. Teppichproduzenten etablieren Rücknahmesysteme. Unternehmen, die Glasscheiben herstellen vermieten ihre Scheiben nur noch und nehmen sie danach zurück, damit aus dem Glas, in dem weitere chemische Bestandteile enthalten sind, neue Produkte entstehen können.

Die Bundesrepublik verschläft das Cradle to Cradle-Prinzip ein wenig. Zwar gibt es viele Unternehmen, die bereits ihre Produktion teilweise umgestellt haben, doch die Instanz, auf die es ankommt, zeigt sich wenig interessiert. Das Bundesumweltamt gibt an, dass es bereits genügend gesetzliche Verordnungen gibt, die den Produzenten die Verantwortung überträgt, für ihre Produkte zu sorgen und Produktionsprozesse konstant zu überprüfen. Nun bedeutet dies jedoch nicht, dass diese Verantwortung die Produktion von Abfall verbietet. Und so hinkt Deutschland ein wenig hinterher. Vorreiter sind die Niederlande, die als erstes Land ein nationales Programm auflegten, um Abfall zu vermeiden. An einer niederländischen Hochschule entstand ein Lehrstuhl für Cradle to Cradle.

Meiner Meinung nach ist dies ein notwendiger Ansatz um unsere Lebenswelten grundlegend umzugestalten. Das faszinierende dabei ist, dass immer mehr mitmachen. Die eine Hälfte aus ökologischen Aspekten im Rahmen der Öko-Effizienz. Die andere Hälfte hat klar unternehmerische Aspekte im Blick. Große Unternehmen geben an, dass das Cradle to Cradle Prinzip keinem Unternehmen wirtschaftlich schadet. Bleibt zu hoffen, dass die bundesdeutschen Entscheidungsträger dem internationalen Vorbild doch noch folgen und ein Programm zur Vermeidung von Abfall auflegen. Ich werde bei Gelegenheit einmal versuchen, einige lebensweltliche Beispiele für Cradle to Cradle für den „durchschnittlichen“ Konsumenten zusammenzutragen, um zu sehen, inwieweit abseits von Produkten die mit „bio“ oder „öko“ deklariert sind, bereits Produkte zu erwerben sind.

http://www.epea.com

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