Beitrag vom 10. März 2010Keine Kommentare
Ein schmaler Grat

Die Beurteilung der Qualität unterschiedlicher TV-Formate ist gar nicht so einfach. Während einige Reality-Dokus der Privatsender für billige und furchtbare Unterhaltung erachten, gibt es bestimmt eine Vielzahl von Menschen, die das Format Philosophie auf ARTE furchtbar finden.

Eine Bewertung ist immer auch durch die individuelle Subjektivität geprägt. Aber nicht nur der eigene Geschmack zählt, sondern eine Bewertung ist gleichermaßen vom Anspruch der jeweiligen Sendung abhängig. Information oder Unterhaltung? Dokumentation oder Inszenierung?

Die Übergange sind fließend und manchmal ist der Grat zwischen „beschreiben“ und „bloßstellen“ äußerst schmal.

Folgendes Beispiel. Es existiert ein Fernsehformat mit dem Namen „Goodbye Deutschland“. Unterschiedliche Personen werden bei ihren Versuchen begleitet, Deutschland zu verlassen und in fernen, oder nicht ganz so fernen, Ländern ein neues Leben zu beginnen. Dort wird seit einigen Monaten eine junge blondierte Frau gefeatured, die ihren großen Durchbruch im Modelbusiness anstrebt. Über ihre Ausstrahlung und ihr Wesen kann mit Sicherheit diskutiert werden. Vielleicht ist sie ein wenig naiv. Oder gar nicht. Aber zumindest hat der Zuschauer nicht das Gefühl, dass sie in irgendeiner Form nicht weiß, wie der Hase läuft.

Ähnlich verhält es sich mit einem Herren, der in Miami ein Designhotel eröffnen und leiten will. Der Zuschauer leidet mit, wenn die Beteiligten vor großen Problemen stehen. Werden sie diese überwinden oder wird sich ihr Traum zerschlagen? Dies sind nicht nur die Fragen, die sich der geneigte TV-Konsument stellt, sondern die, welche von der Stimme aus dem Off liebevoll durch den Äther dringen.

Seitdem diese Fernsehformate laufen, habe ich mich bereits daran gewöhnt, dass ein gewisser Voyeurismus gut zu funktionieren scheint. Menschen offenbaren sich gänzlich in Reality-Dokus oder vor einer Jury bei Castingshows. Sie sind alt genug und wenn jemand der Meinung ist, ohne Kenntnisse der Landessprache, ohne Geld-Reserven und Business-Plan in ein fremdes Land auszuwandern, dann soll er es machen.

Problematisch finde ich jedoch, wenn ein Kandidat „vorgeführt“ wird. Ein Herr lebt seit mehreren Jahren von Hartz IV. Er lebt mit seinen Katzen in Berlin-Lichtenberg und verdient sich etwas dazu, indem er Zeitungen austrägt. Er ist seit etwa 10 Jahren solo und ihn plagen Schulden in Höhe von knapp 20.000€. Dieser Mann fand über das Internet seine große Liebe. Laila lebt auf den Philippinen. Wilfried will seine Herzdame ehelichen. Hat sie dabei noch nicht gesehen. Die Kommunikation beschränkt sich durch seine schlechten Englisch-Kenntnisse auf ein Minimum. Aber gut,  Liebe ist ja international. Jedenfalls spart er sich ein paar Euro zusammen und fliegt auf die Philippinen. Im Gepäck 500€ für die Trauung.

Wilfried ist merklich mit der Situation überfordert. Die Planung der Hochzeit nimmt ungeheure Ausmaße an. Laila hat noch keine Ahnung von den Schulden. Und immer eine Kamera im Gesicht. Was denkst Du jetzt Wilfried? Erzähl es uns!

Letztlich kann ich nicht sagen, was für ein Typ Wilfried ist. Ich kenne die Verträge nicht, die geschlossen werden. Doch spielt das eine Rolle? Wilfried steht am Flughafen und am Counter wird festgestellt, dass er für das Übergepäck knapp 600€ zahlen soll. Also packt er Sachen aus und sein Statement war sinngemäß: Ich wusste, dass es viel ist, aber ich hab ja keine Gepäckwaage. Dabei schaut er ein wenig verloren in die Kamera.

Wo sind also die Grenzen zwischen Vorführung und Dokumentation? Deutschland speckt öffentlich ab, wandert aus und findet überall die Liebe – die Kameras immer dabei. Es werden Kinder gemacht und bekommen. Es wird betrogen und sich versöhnt. Es wird gekocht. Ein Ende dieser TV-Formate ist nicht in Sicht. Vorhang auf für den Seelen-Striptease, oder das, was der Zuschauer für „echt“ halten soll. Bitteschön. Jeder soll schauen, was er will. Aber was passiert eigentlich mit den Wilfrieds in Deutschland, wenn sich das Publikum neuen Lieblingen widmet? Der Grat ist schmal!

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Was ist die Menschenwürde?

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Goodbye Deutschland

ARTE Philosophie zum Thema PREKARIAT

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