Beitrag vom 18. April 2010Ein Kommentar
Allein, Allein

An dieser Stelle muss ich mich outen. Ich mag den Song „Allein, Allein“ von Polarkreis 18. Der Song polarisiert. Von „Grandios“ bis „dämliches Kastratengejaule“ reichen die Bewertungen des Songs. Mir gefällt die Stimmung des Musikstücks einfach. Nur eine kleine Einschränkung muss ich machen.

Im Songtext heisst es im Chorus immer wieder: „Wir sind allein“. Und in den Strophen kommt 2 mal das englische Wort „loneliness“ vor. Nun bin ich kein Anglist, doch wenn ich mich nicht täusche, dann bedeutet es doch Einsamkeit, oder?! Einsamkeit und Alleinsein sind aber zwei Paar Schuhe, die nicht vermengt werden sollten. Gut, vielleicht bin ich einfach nicht „tief“ genug. Vielleicht hat es der Texter bewusst genau so gemacht.

Prinzipiell ist Einsamkeit ein negativ konnotierter Begriff und subjektiv. Alleinsein hingegen beschreibt auf den ersten Blick lediglich einen Zustand. Ich sitze in meinem Zimmer; niemand ist da, also bin ich allein. Einsam kann jeder auch in einer tosenden Menschenmasse sein. Man kann sogar einsam sein, obwohl man jeden anlächelt und täglich mit seinem besten Freund oder der besten Freundin durch die Straßen zieht.

Wenn schon derartige Unterschiede zwischen Einsamkeit und Alleinsein existieren, dann sollten diese aufrecht erhalten. Und die positiven Möglichkeiten des Alleinseins herausstellen. Auf Stern.de liegt ein Artikel. Die Überschrift lautet: „Allein sein ist ungesund“. Der Grundtenor des Artikels ist, dass Menschen als soziale Wesen andere Menschen benötigen. Es wird angegeben, dass die Gesundheit nachweislich gefördert wird, wenn wir nicht allein sind. Aber dies gelte nur, wenn wir eine gewisse „Tiefe“ in den Bindungen erreichen. Also geht es nicht um das Alleinsein. Sondern eher um Einsamkeit und die potentiellen psychologischen Auswirkungen auf den Körper.

Wer frei allein sein kann, kann nicht einsam sein, er hat sich selbst!

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele, die jede freie Minute mit Freunden verbringen. Mal ins Kino, mal nett essen oder auch mal tanzen gehen. Viele führen zusätzlich noch eine Beziehung. Und die Familie sollte nicht vergessen werden. Menschen und Verbindungen, die der Pflege bedürfen. Aber wo bleibt da die Zeit für Einen selbst?

Viele können auch gar nicht allein sein. Sie kommen nach hause und bereits nach 5 Minuten werden die üblichen Verdächtigen angerufen, um die Abendplanung zu gestalten. Generell ist dagegen nichts einzuwenden. Aber was ist, wenn man sich in Gesellschaft begibt, um nicht allein zu sein und somit versucht, der Einsamkeit zu entrinnen? Dann gilt es, die Stimmen und Gefühle, die sich tief in uns befinden, weiterhin in Schach zu halten. Daheim, zur Ruhe kommend, bahnen sich diese oft ihren Weg durch den Körper. Aufsteigend schlängeln sie sich in Richtung unseres Bewusstseins. Aber Trübsal blasen? Traurig sein? Das Selbst bloß nicht zulassen. Und dem irrigen Glauben hinterher rennen, dass sowieso alles gut wird. Einfach so. Man müsse nur lange genug warten.

In einem Buch wird dargestellt, in welchem Spannungsverhältnis Freiheit und Verbindungen miteinander stehen. Eine nette kleine Erzählung beschreibt es ganz gut. Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Der Mann hält um die Hand der Frau an. Diese ist durchaus vermögend und entgegnet dem Mann, dass sie einer Heirat nur unter einer Bedingung zustimmen würde. Bei einer Heirat würde sie in ein Haus am See ziehen. Und ihm würde sie ein Haus am anderen Ende des Sees bauen, in dem er leben könne. Der Mann protestierte lautstark. Sie seien dann doch verheiratet und er würde sich wünschen mit seiner Frau unter einem Dach zu leben – bei ihr sein. Doch sie blieb bei ihrer Bedingung. Sie könnten sich ja gegenseitig einladen. Oder zufällig am See treffen und einen Spaziergang machen. Aber nicht gemeinsam leben. Der Mann konnte dies nicht akzeptieren, denn er sei nicht frei, vermochte es nicht, allein zu sein und war gelenkt von seinen Erwartungen. So heirateten sie nicht und ihre Liebe war beendet.

Es existieren viele Weisheiten und Sinnsprüche, deren Botschaft sich in etwa so verallgemeinern lassen. Nur wer mit sich im Reinen und glücklich ist, kann auch mit Anderen glücklich sein – frei sein. Wenn ich nicht glücklich bin, dann sollte ich herausfinden, woran es liegt. Die Gefühle und Gedanken synchronisieren. Klar, Gespräche mit Freunden oder Spezialisten können helfen. Doch letztlich kommt niemand, legt einen Schalter um und schon scheint die Sonne. Es bleibt jedem selbst überlassen. Eine bedeutende Rolle kommt dem Alleinsein zu. Ich bin jemand. Und mein Selbst braucht Pflege. Genauso wie soziale Verbindungen. Wer bin ich? Was will ich? Geht es mir gut? Bin ich glücklich? Wenn wir uns regelmäßig diese Fragen stellen und uns in der glücklichen Position befinden, dass unser Selbst Freiheit genießt oder wir unsere Vergangenheit nicht als Rucksack durch die Gegenwart schleppen, dann ist Alleinsein gut und wichtig. Probiert es mal aus. Alleinsein fetzt und ist ein zuverlässiges Maß des Herzens, wenn euer Geist mal nicht dessen Sprache zu sprechen scheint. Und wenn es euch gefällt, dann sagt es ruhig weiter. Wenn jemand dadurch anfängt Dinge zu tun, weil er ist, anstatt zu sein, weil er Dinge tut, dann ist das doch schön, oder?!

Kommentare
Einen Kommentar schreiben
XHTML: Du kannst diese Hervorhebungen verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>