Beitrag vom 8. Juli 2010Keine Kommentare
Abschied 2

Einen kurzen Moment überlegt sie, ihre Hände vom Steuer zu nehmen. Sie weiß, ihr Wagen zieht leicht nach rechts. Die Allee führt scheinbar endlos geradeaus. Die Seitenränder der Fahrbahn verjüngen sich, bis sie sich am Horizont zu einem Punkt vereinen. Zwischen den mächtigen Baumkronen blitzt die Sonne in ihr Auto und für Bruchteile von Sekunden nimmt ihr der Schein die Sicht. Doch es ist nicht das Wechselspiel des Lichts, welches ihr dieses Stechen in ihrem Kopf verursacht. Sie löst leicht ihre Finger und gibt mehr Gas. Eine Weile fährt sie auf der Fahrbahnmarkierung. Die leichten Vibrationen übertragen sich von den Reifen auf das Lenkrad und von dort auf ihre Fingerspitzen. Loslassen und den Wagen in die Bäume jagen? Vor dem großen Knall, laut schreiend, die Arme reflexartig schützend vor dem Gesicht kreuzen, fast so, als wenn dies etwas nützen würde?

Langsam umschließen ihre Finger fester das Steuer. Sie lenkt den Wagen zurück in die Spur. Ihr rechter Fuß geht vom Gaspedal. Tränen nehmen ihr die Sicht. Sie fährt in einen Feldweg, stoppt ihren Wagen, verlässt ihn fluchtartig und eilt in das angrenzende Maisfeld.

Als sie nach einigen Stunden, in denen sie regungslos im Feld lag und sich dort seltsam geborgen fühlte, wieder den Wagen erreicht, hat sie einen Entschluss gefasst. Einen Entschluss für das Leben. Für ihres und das Leben, das in ihr heranwachsen soll. Und gegen ein Leben mit dem Mann, der dieses Leben nicht wertschätzt und sie zur Abtreibung drängen wollte.

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