Beitrag vom 7. Oktober 2010Keine Kommentare
Von Bahnhöfen, Geldschwemme und schmutziger Schokolade

Zugegeben, ich habe nicht allzu viele Informationen zu den Vorgängen in Stuttgart vom letzten Donnerstag. Aber auch ohne Informationen wird eines deutlich: So ganz koscher ist die Sache nicht. Wenn der Ministerpräsident Stefan Mappus über die Bildschirme flimmert, dann wird mir schon anders. Auch wenn man diesen Mann nicht kennt, positive Ausstrahlung ist anders. Manchmal scheinen sich die Klischees irgendwo zu bestätigen. Mappus, Mitglied der CDU und in der Vergangenheit durchaus das ein oder andere Mal auf merkwürdige Weise in Zusammenhang mit Homophobie und leicht rechten Tendenzen aufgefallen.

Dann erscheint die Polizei auf der Bildfläche und präsentiert Bilder, die beweisen, dass die Demonstranten die Polizisten in unverhältnismäßiger Art und Weise angriffen. Die Macht der Bilder. Wir sehen einen älteren Herren mit blutenden Augen. Er hat den Strahl eines Wasserwerfers abbekommen. Tja, selber schuld, denn dieser Herr ist a) der Aufforderung nicht gefolgt, den Platz zu räumen und b) hat er Kastanien geworfen. Ganz klar, er hat bekommen, was er verdient. Und die Polizei zeigt Bilder von Personen, die Pfefferspray gegen Beamte einsetzen. Oder Brandsätze werfen. Definitiv kann Gewalt, gleich welche Seite sie ausübt, in keinster Weise toleriert werden. Doch es ist schon bezeichnend, wenn die Polizei als auslösende Aktionen Szenen präsentiert, die zeitlich nach der beginnenden Räumung des Parks liegen. Dialog gut und schön, aber wieso hat denn von den Protagonisten keiner die Courage einfach mal zuzugeben, dass da etwas aus dem Ruder gelaufen ist.

Millionen Bezieher von Hartz IV atmeten unlängst durch. 5€ mehr. Kein Wunder, dass viele Arbeitslose sich ob dieser Nachricht erst einmal zu einer rauschenden Partywoche haben hinreissen lassen. Der Großteil des Bundeshaushaltes geht in den Bereich Soziales. Das ist gut, richtig und wichtig. Doch seit Jahren geben sich die Leute die größte Mühe, den eigentlichen Auslöser zu ignorieren. Es fehlen Arbeitsplätze. Die Gründe dafür sind natürlich nicht einfach zu greifen. Klar, aber wo bleiben die konstruktiven Ansätze? Im Prinzip sieht es doch gegenwärtig so aus: Atomausstieg? Nicht geklappt. Kontrolle der Banken? Nicht geklappt. Arbeitsmarktreform? Nicht geklappt. Mehr Beschäftigte im Niedriglohn- und Niedrigstlohnsektor. Zwischendurch Diskussionen zu Terror, mangelnder Integration oder reines BlaBla. Am Ende heisst es immer: Dafür ist kein Geld da.

Die Leute, die in Stuttgart auf die Straßen gehen, setzen ein Zeichen für Widerstand und scheinen zu beweisen, dass es durchaus noch bürgerliches Engagement geben kann. Andererseits fragt man sich ob der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeiten, warum denn 100.000 gegen einen Bahnhof und für ein paar Bäume auf die Barrikaden gehen, aber nicht für eine sozialere Bundesrepublik.

Miki Mistrati hat einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Schmutzige Schokolade“ gedreht. Wenn es um Schokolade geht, ist es keine Überraschung, dass in den Kakao-produzierenden Ländern die Industrie den Großteil der Gewinne einfährt, während die Plantagenarbeiter eher schlecht als recht entlohnt werden. Was aber weiterhin in dem Film dargestellt wird, macht einen wütend. Am 19. September 2001 entstand das Harkin-Engel-Protokoll. Eine freiwillige Erklärung der Schokoladenindustrie Kinderarbeit auf den Kakao-Plantagen eindämmen und nicht mehr dulden zu wollen. 9 Jahre später reiste Mistrati in die Elfenbeinküste. Ein führender Vertreter der Regierung und der Chef einer großen Firma beteuern, dass es keine Kindersklaven gibt. Interpol dagegen berichtet von einer Aktion, bei der 65 Kinder befreit wurden. Und Mistrati selbst sieht vor Ort auf den Plantagen unzählige Kinder, die aus den Nachbarländern gekauft und auf die Plantagen geschafft werden. Dort arbeiten sie ohne Bezahlung und bekommen kaum genug zu essen. Die Vertreter der Schokoladenindustrie lehnten TV-Interviews ab. Sie dulden also die Kinderarbeit? Solang die breite Masse darüber nichts weiß oder es sie nicht interessiert werden 10jährige Kinder für den eine oder anderen von uns Kakaobohnen pflücken.

Eines sollte klar sein. Der Einzelne hat Macht. Es kommt nur darauf an, wie er sie einsetzt, was er kauft, was und wie er lebt!

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