Beitrag vom 14. Oktober 2010Keine Kommentare
Warum die Integrationsdebatte keine ist

Wenn Einwanderer zu uns nach Deutschland kommen um hier zu leben – so heißt es häufig – müssen sich sich integrieren, vor allem aber auch integrieren wollen. Sonst sei ja kein gesellschaftliches Miteinander möglich. Aber was heißt es eigentlich, wenn sich Immigranten integrieren sollen und wo hinein eigentlich?

Na hinein in unser Deutschland, in unser Deutsches Leben. Aber was ist das denn, das Deutsche Leben und welches Leben führen die Immigranten denn? Nehmen wir mich z.B. einen Berliner Studenten. Führe ich ein Deutsches Leben? Nun, ob das so ist, überlasse ich den Menschen um mich herum, aber wenn man es genau betrachtet, bin ich in Sachen Lebensstil dem Istanbuler Studenten ähnlicher als dem Bayrischen Bauern. Auch die Gedankenwelt des Izmirschen Rockmusikers liegt mir viel näher als die des Brandenburgischen Dorfmädels. Wenn ich also ein Deutsches Leben führe, tun es die Bewohner sehr vieler Städte auch. Wenn ich kein Deutsches Leben führe, ergibt die Trennung keinen Sinn, da ich eindeutig Deutscher bin. Man merkt also recht schnell, dass der Begriff des „Deutschen Lebens“ tatsächlich ins Leere zeigt. Leider ist er nicht nur unsinnig, sondern auch gefährlich, denn er erschafft ein „wir“ und ein „die Anderen“. Offensichtlich zieht die Frage nach dem Deutschen Leben eine klare Linie, wo gar keine ist. Einzig bei der Suche nach „Deutschen Werten“ könnte man die ersten Artikel des Grundgesetzes anführen, aber erstens ist verfassungskonformes Denken bisweilen noch nicht messbar und zweitens würden vielleicht auch einige Deutsche Politiker diesen Test nicht bestehen, wenn man sich die Menge der jüngst durch das Bundesverfassungsgericht widerrufenen Gesetze vor Augen führt.

Dann eben ganz konkret: die Deutsche Sprache und Geschichte sollten schon beherrscht werden. Das heißt jeder, der in Deutschland leben möchte, sollte richtig Deutsch sprechen können und einige unserer historischen Grunddaten kennen. Doch schnell stellt sich heraus, dass auch viele bildungsferne Deutsche Mitbürger nicht nur grammatikalisch abenteuerliches Deutsch sprechen, sondern zudem nicht ahnen, was es z.B. mit der Spiegel-Affäre auf sich hatte, warum sollten Einwanderer das also können?

Aber zumindest verstehen sollte man die Deutsche Sprache doch, so hört man sich bald innerlich sagen, sonst würden z.B. die Kinder in der Schule ja nichts lernen, schnell abrutschen und letztendlich arbeitslos werden oder noch schlimmeres. Doch die Situation stellt sich anders dar: Studien an Berliner Problemschulen zeigen, dass Kinder von gebildeten Immigranten sogar sehr schnell Deutsch lernen und das nicht nur durch den Unterricht, sondern auch in der Freizeit mit Freunden. Ebenso verhält es sich mit Kindern gebildeter Deutscher Eltern. Nur die Kinder von eher ungebildeten Eltern lernen schlecht und langsam die Deutsche Sprache und bleiben oft in der Schule hängen, aber das ist unabhängig davon, ob die Eltern Deutsche oder Immigranten sind.

Sprache und Bildung der Kinder sind also nicht die Integrationsprobleme von Immigranten auf dem Weg ins Deutsche Leben, sondern die allgemeinen Probleme der „Unterschicht“ auf dem Weg ins allgemeine Leben. Wenn man hier noch anmerkt, dass die Kinder von heute freilich die Eltern von morgen sind, wird das Ausmaß des Problems erst richtig sichtbar.

Wir stellen also fest, dass diese sarrazin-bouffierschen Integrationsdebatten künstlich ein „Wir“ zu erschaffen suchen, welches sich sogleich gegen ein ebenso fiktiv-konstruiertes „sie“ zur Wehr setzen muss. Das ist zwar inhaltlich nicht zielführend, aber es schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die seit langem notwendige Diskussion über Sozial- und Bildungspolitik wird dadurch in dumpfem, rückwärts gewandten Feindbildnationalismus erstickt.

Interessanterweise entstehen diese Integrationsdebatten stets dann, wenn die Politik gerade an anderen Stellen vor wirklich komplizierten Problemen kapituliert. Angefangen bei der Atom- und Energiepolitik, über die Aufarbeitung der Finanzkrise bis zur ursächlichen Hartz-IV-Problematik. All diese Dinge werden sogleich medial vertagt und sind bald vergessen. Nach einiger Zeit verschwindet auch die Integrationsdebatte wieder, dies allerdings leise und prinzipbedingt ergebnislos, sodass die ungelösten Probleme nun verschwunden scheinen, ohne je gelöst worden zu sein. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

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