Beitrag vom 27. Oktober 2010Keine Kommentare
Gedankenspiel

Nehmen wir an dieser Stelle einmal etwas an: Wir besitzen ein großes Unternehmen. Unser Unternehmen machte im Jahr 2008 einen Umsatz von 28,368 Milliarden Pfund Sterling. Im Jahr 2007 haben wir einen operativen Gewinn von mehr als 7 Milliarden Euro erzielt. Unser Unternehmen war am 31.12.2007 Arbeitgeber für 103.483 Menschen weltweit. Und unser Steckenpferd ist die Pharma-Branche. Dank unserer Investoren zählen wir gegenwärtig zu den 5 größten Pharmaunternehmen.

Selbst in einem kleinen Unternehmen weiß nicht jeder, was der andere den lieben langen Tag im Detail tut. Jeder Mitarbeiter hat seinen Bereich. Je größer das Unternehmen wird, desto bedeutender werden Instanzen zu Kontrolle. Ganze Abteilungen führen die Fäden zusammen, damit aus einzelnen Fasern am Ende ein tadelloser Teppich ohne Fehler herauskommt.

Unser Unternehmen produziert weltweit unzählige verschiedene Produkte. Wir können uns damit rühmen, dass fast jeder eine Vielzahl unserer Produkte kennt. Unser Marktanteil ist enorm. Mundhygiene ohne uns? Nahezu unmöglich. Dazu können wir hohe Absätze mit unseren Gesundheitsmarken erzielen.

Als Pharmaunternehmen waren wir in den letzten Jahren häufig Ziel von Kampagnen, die uns raubtierkapitalistische Tendenzen bei der Entwicklung von Medikamenten vorwarfen. Und ab 01.11.2010 ist ein Medikament von uns in Deutschland verboten. Leider verstanden und verstehen viele unsere Lage nicht. Wir müssen expandieren und wachsen. Unsere Aktien haben in den letzten Jahren an Wert verloren und wir haben daher die Dividenden erhöht. Unsere Investoren und Anleger zielen auf Gewinne und wir müssen weiter expandieren. So ist das nun mal!

Aber wir geben ja auch viel. Wir übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Und wir nennen es darum auch „Philosophie“. Und wir beteiligen uns an zahlreichen Programmen und Aktionen. Und wir forschen an wichtigen Medikamenten. Manchmal macht es uns traurig, dass die forschenden Pharmaunternehmen derart in der Kritik stehen. Wir fühlen uns missverstanden.

Und zum Höhepunkt des Gedankenexperiments stellen wir uns folgendes vor:

In einem unserer Standorte gab es mehrere Zwischenfälle. Unser Werk in Puerto Rico, zeitweise unser größtes, konnte leider ab und an unseren Vorstellungen nicht genügen. Mal wurden Medikamente während der Herstellung verunreinigt, mal wurden sie verwechselt und in falsche Flaschen abgefüllt und ein anderes Mal stimmten die Inhaltsstoffe nicht.

Glücklicherweise hat uns unsere Qualitätsmanagerin vor Ort bereits im Jahr 2002 darauf hingewiesen. Des Öfteren gar. Und sie hat sogar die Schließung des Standortes empfohlen.

Wie würden wir in dieser Situation handeln?

Vollständige Aufklärung? Behebung der Mängel? Übernahme der Verantwortung mit allen Konsequenzen? Gegebenenfalls Personalentscheidungen rigoros umsetzen? Menschen sind wichtiger als Geld?

Klingt plausibel, oder? Und hier endet das Gedankenspiel.

Das Pharmaunternehmen in der Realität reagierte so:

Schritt 1: ignorieren der Hinweise der Qualitätssicherung

Schritt 2: Qualitätsmanagerin entlassen

Schritt 3: nachdem sich die Frau an die US-Behörden wandte, erst einmal etwas mauern

Schritt 4: die besagte Fabrik im Jahr 2009 mit der Begründung schließen, dass dort lediglich Medikamente produziert werden, die keine ausreichende Nachfrage mehr haben.

Schritt 5: sich nach langen Ermittlungen auf einen Vergleich in Höhe von 750 Millionen US-Dollar einigen

Schritt 6: rechtzeitig das Geld beiseite legen, damit der Jahresgewinn nicht einbricht

Schritt 7: sich nicht entschuldigen und den Chefjustiziar sich darüber freuen lassen, dass der Vorgang endlich vom Tisch ist

Was lernen wir daraus?

Links:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,725662,00.html

http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~EF62D5388AD1643C7A606782521B75113~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://de.wikipedia.org/wiki/GlaxoSmithKline

http://www.glaxosmithkline.de/jsp/index.jsp

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