Beitrag vom 16. November 2010Keine Kommentare
Macht

Der Fernsehsender RTL II provozierte jüngst mit einem neuen Format. Einige Tage brodelte es in den Medien. Auf medialer Seite, mit Ausnahme des Boulevards, regte sich harsche Kritik. Die Sendung „Tatort Internet – schützt endlich unsere Kinder“ verstoße grob gegen den Datenschutz und sei populistisch. Das Vorgehen der Verantwortlichen, nämlich sich in Chats als Kinder auszugeben, also die Redakteure und weitere Beteiligte, und kontaktfreudige Männer bei einem vermeintlichen Treffen mit meist angeblich um die 13 Jahre alten Jungs und Mädchen vor laufenden Kameras zur Rede zu stellen, sei problematisch. Die Meinungen der Nutzer gehen diesbezüglich weit auseinander. Flammende Reden gegen die Pädophilen füllten die Kommentarseiten der Medien. Andere formulierten deutliche Kritik an der Vorgehensweise der Produktionsfirma und der Inszenierung durch den Sender. Beispielsweise, dass Frau von und zu Guttenberg die erste Sendung co-moderierte. Und Vereine wie Institutionen, die sich mit dem Thema beschäftigen, distanzieren sich von diesem Format. Grundsätzlich ist es ein hehres Ziel, sexuellen Missbrauch von Kindern anzusprechen. Wenn jedoch im Ergebnis lediglich ein Bereich dieser komplexen Thematik dargestellt wird, nämlich sexueller Missbrauch von Kindern durch „Fremde“, ist dies zu kritisieren. Wer mit Pauken und Trompeten ein Fernsehformat aufzieht, in dem es konsequent darum geht, Angst vor Fremden und Angst vor Chats zu schüren, der handelt verantwortungslos. In den 3 von mir gesehenen Sendungen wurden viele Männer erfolgreich „überführt“. Dazu kamen mehrere Beiträge zu anderen realen Fällen, bei denen Kinder von Männern über das Internet kontaktiert und bei Treffen missbraucht wurden. Die Mehrheit der Vereine und Institutionen plädieren für eine vorsichtige Benutzung des Internets. Es wird neben der Betreuung von Opfern versucht, dass Kinder und Eltern über die Gefahren des Internets aufgeklärt werden. Viele Projekte gehen in Schulen. Der Untertitel des Formats lautet „schützt endlich unsere Kinder“. Aber an wen richtet sich dieser Appell eigentlich? Ein Beispiel: Bei einem Fall berichtete eine Stimme aus dem Off, dass sich das Mädchen aufgrund von familiären Schwierigkeiten vermehrt in Internetchats bewegte. Dort erhielt sie die Aufmerksamkeit, die sie sich wohl wünschte. Bei einem Treffen mit einem Mann wurde das Mädchen dann missbraucht. Wenn das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern dargestellt wird, dann gehört es zwingend dazu, gleichermaßen unterschiedliche Facetten zu beleuchten. Beispielsweise, dass geschätzt 4/5 der Missbrauchsfälle durch Personen aus dem unmittelbaren Umfeld der Kinder vollzogen wird. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung sollte auch darstellen, wie komplex dieses Thema eigentlich ist. Schwierige familiäre Konstellationen gehören genauso dazu, wie Eltern, die scheinbar kein Interesse am täglichen Leben ihrer Kinder haben. Oder wie kompliziert es sich gegenwärtig gestaltet, umfangreiche Aufklärungsarbeit in den Schulen zu betreiben. Und so weiter und so fort. Wenn fürs Fernsehen dann ein Format konzipiert wird, in dem Männer, die scheinbaren Täter, nicht unkenntlich gemacht werden sollten, dann ist dies verantwortungslos. Wenn im Verlauf der Sendungen ein unkenntlich gemachter Mann, dennoch identifiziert werden kann, dann ist dies verantwortungslos. Gegen diesen wurden richtigerweise Ermittlungen eingeleitet. Der Mann ist seitdem verschwunden, nachdem er einige Tage nach der Ausstrahlung den Kontakt mit Minderjährigen in Chaträumen eingestanden hatte. Es handelt sich um einen Kinderdorfleiter. Die Dame, die im Fernsehformat als „Expertin“ die Redakteure und „Lockvögel“ begleitet, sagt jedem vermeintlichen „Täter“, dass sämtliches Material an die Behörden weitergeleitet werden würde. Im erwähnten Fall wurde laut Presseberichten  jedoch keine Ermittlungsbehörde vor der Ausstrahlung informiert. Geht es hier ausschließlich um den Schutz der Kinder? Ist es so, dass gerade ein Fernsehsender, der Doku-Formate mit freizügigen Damen und Herren, frühreifen Jugendlichen und promisken Teens produzieren lässt, seine gesellschaftliche Verantwortung entdeckt hat? Gestern wurde auf RTL in einem Magazin eine Mini-Reportage zweier Journalisten gezeigt. Zum wiederholten Male wurde aus dem Grenzgebiet zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der tschechischen Republik berichtet. Viele Deutsche Freier reisen in dieses Gebiet, um ihren sexuellen Vorlieben auf dem Straßenstrich nachzukommen. Sex ohne Kondome. Sex mit Minderjährigen. Sex mit Säuglingen. Wer Geld mitbringt, könne in dieser Region wohl einiges erleben. Eingeleitet wurde der Beitrag mit dem Satz „Sie wollten sehen, ob sich etwas getan hat.“ Im Ergebnis kann gesagt werden: Nein! Bereits häufig berichteten unterschiedliche Medien über den grenzüberschreitenden Sextourismus deutscher Freier. Auf Spiegel Online kann ein Artikel aus dem Jahr 2003 eingesehen werden, der nahezu identisch die Situation im Grenzgebiet beschreibt, wie die gestrige RTL-Reportage. Der Verein KARO e.V. wurde 2004 gegründet und engagiert sich gegen Zwangsprostitution, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern. Aber bereits seit 1994 gab es themenbezogene Projekte im Grenzbereich Sachsen-Polen und Sachsen-Tschechische Republik. Seitdem lauten die Informationen der Mitglieder von KARO in Interviews immer ähnlich. Nämlich, dass sich kaum etwas geändert hat. „Macht“ ist ein komplexer Begriff. Er ist weitgehend negativ konnotiert; nicht erst seit der Ton Steine Scherben-Platte mit dem Titel „Keine Macht für niemand“. Macht kann als Fähigkeit von Einzelnen oder Gruppen beschrieben werden, das Verhalten und Denken sozialer Gruppen zu beeinflussen. Manchmal erscheint es wie ein Kampf in Comic-Heften. Das Gute gegen das Böse. Beide Seiten nutzen ihre jeweilige Macht. Und so ist es gleichermaßen mit der Politik, den Medien und den Menschen. Auf das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern angewendet, ist es eben so, dass alle Beteiligten eine gewisse Macht besitzen. Die tschechischen Behörden genauso wie die deutschen. Es soll den staatlichen Institutionen keineswegs vorgeworfen werden, die Augen vor dieser Thematik zu verschließen. Dennoch ist zu bezweifeln, dass sämtliche Mittel zum Schutz der Kinder und der Frauen eingesetzt werden. Es sei kein Geld da? Im Wendland sind neben tausender deutscher Polizisten auch französische Beamte im Einsatz gewesen. Deutsche Soldaten bringen seit Jahren den Afghanen den Frieden. Deutsche Banken halten gegenwärtig aus Angst vor dem Staatsbankrott Irlands irische Anleihen im Wert von 136 Milliarden Euro. Deutsche Abgeordnete bekommen ein ordentliches Gehalt. Millionen Deutsche haben iPods, Laptops, große Fernsehgeräte, fahren in den Urlaub und besitzen Autos. Millionen Deutsche gehen einer geregelten Arbeit nach. Und so weiter und so fort. Selbstverständlich ist dies stark vereinfacht. Aber es zeigt doch, dass es nicht immer die Mächtigen sein müssen, die Macht besitzen. Und wenn es im Kern, neben dem vernünftigen Umgang von Medien und Regierungen mit Macht, nur darauf ankommt, genügend Geld zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Säuglingen, Kindern und Frauen zu organisieren, dann ist kaum zu verstehen, warum so viele andere Themen bedeutender sein sollen. Und darum sollte jeder einen Teil seiner individuellen Macht nutzen, damit in Zukunft Journalisten von den Erfolgen wegweisender Programme und Aktionen zum Schutz von Kindern und Frauen berichten können. Denn ein Appell, dass die Kinder endlich geschützt werden sollen, schließt uns alle mit ein.

Kommentare
Einen Kommentar schreiben
XHTML: Du kannst diese Hervorhebungen verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>