Beitrag vom 18. November 2010Keine Kommentare
Götter (1)

Ärzte und medizinisches Personal verdienen grundlegend Respekt. Sie absolvieren eine lange Ausbildung, müssen im stressigen Praxis- oder Klinikalltag bestehen und tragen nicht zuletzt eine enorme Verantwortung. Patienten sind gezwungen, den Ärzten zu vertrauen. Denn wer von uns kennt sich schon mit komplexen Operationsmethoden oder mit der Wirkungsweise von Medikamenten aus? Viele hoffen einfach, dass die Verantwortlichen voll konzentriert arbeiten und wissen was sie tun. Es sind schließlich Ärzte.

Die ARD sendete gestern einen Film mit dem Titel „Totschweiger – Wenn Ärzte Fehler machen“. Wer sich täglich eine Basisdosis „Information“ aus den Medien zieht, dem sind Meldungen über misslungene Operationen oder „Killerviren“ in Krankenhäusern nicht fremd.

Bei einem dargestellten Fall wurde einem Mann die falsche Seite der Lendenwirbelsäule operiert. In der Folge ist er gegenwärtig nicht mehr voll arbeitsfähig, musste Mitarbeiter entlassen und seine Firma schließen. Der Prozess dauert an.

Noch gravierender ist der zweite Fall. Während einer Operation sollte einem Mann ein sogenannter Stent eingesetzt werden. Diese Gefäßstütze sollte eine Engstelle am Herzen beheben. So weit ich das als Laie verstanden habe, gelangte der vorbereitete Katheter zur Engstelle, rutschte jedoch dann zwischen die Gefäßinnen- und die Gefäßaussenwand. Als der Stent entfaltet wurde, wurde die Engstelle des Gefäßes an dieser Stelle nicht behoben, sondern das Gefäß nahezu komplett verschlossen. Die Werte des Patienten gerieten durcheinander. Der operierende Oberarzt reagierte, indem er zwei weitere Stents einführte. Die Folge war, dass das Herz des Mannes lediglich mit Hilfe einer Maschine schlug. Die Überstellung in eine Herzklinik, einige Tage später, rettete ihm wohl das Leben. Dort wurde der Verschluss des Gefäßes endlich festgestellt. Das Herz war zu diesem Zeitpunkt zu etwa 50% abgestorben. Künstliches Koma und die Einsetzung eines Kunstherzes waren die Folge. Im Ergebnis erhielt der Mann ein Spenderherz, erlitt mehrere Schlaganfälle und besitzt, neben zahlreicher anderer Einschränkungen, ein Sehvermögen von lediglich 25%.

Wie ein Schlag ins Gesicht musste es für den Patienten sein, dass im Prozess „nur“ eine mangelnde Aufklärung durch das Klinikpersonal festgestellt wurde. Wenn der operierende Arzt seine Vorgehensweise nicht überprüft, um auszuschließen, dass seinerseits Fehler gemacht wurden, dann ist dies mit Blick auf ein Menschenleben grundsätzlich akzeptabel? Also ist eben etwas schiefgegangen?

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit gibt an, dass über Jahrzehnte hinweg Fehler tabuisiert wurden. Wenn Fehler nicht aus der Welt geschafft werden können, dann wird reflexartig das Versagen einzelner als Ursache angegeben. Das Aktionsbündnis ist bestrebt, Fehler vermeidbar zu machen und eine andere Fehlerkultur zu etablieren. Nur scheint der Wille dazu in der Praxis eher gering. Beispielsweise hat die Weltgesundheitsorganisation eine Checkliste erstellt, m derer grundlegende Punkte überprüft und abgehakt werden, wie beispielsweise der Name des Patienten oder das zu operierende Körperteil. Weltweite Testeinsätze haben gezeigt, dass „übliche“ Fehler bis zu 70% reduziert werden können. Flächendeckend haben sich diese Listen noch nicht durchgesetzt.

Die Ursachen für die gegenwärtige Situation sind vielfältig – keine Frage. Aber die Empfehlungen und Ansätze des Aktionsbündnisses klingen umsetzbar und können Leben retten. Ohne das medizinische Personal über einen Kamm scheren zu wollen, bleibt zu hoffen, dass die Kliniken und das medizinische Personal in den kommenden Jahren erkennen, dass sie auch nur Menschen sind.

Informationen zum Film
Aktionsbündnis Patientensicherheit

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