Beitrag vom 22. November 2010Keine Kommentare
Götter (2)

Lena stammt aus Sri Lanka. Als Säugling wurde sie von ihrer Mutter zur Adoption gegeben. In Deutschland wuchs sie bei Adoptiveltern auf. Und jetzt, mit 25 Jahren, verspürt sie das innere Bedürfnis, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Dazu möchte sie mit ihrer besten Freundin nach Sri Lanka reisen.

Eine Produktionsfirma hat die Suche für die Reihe „We are family“ auf PRO7 in Bilder gekleidet. Lena und ihre Freundin kommen in (auf?) Sri Lanka an. Orientieren sich. Und möchten zeitnah ein Krankenhaus aufsuchen. In diesem Krankenhaus wurde wohl die Geburtsurkunde für Lena ausgestellt. Erst sagt eine Dame im Krankenhaus, dass sie keine Informationen geben kann, da es keine gäbe. Dann sollten die Filmaufnahmen bitte unterlassen werden. Und gegen eine Spende an das Krankenhaus, erhalten sie doch noch Auskunft.

Später treffen sie durch Zufall einen Taxifahrer, der sie unterstützt. Was für eine Schicksalsfügung, denn er bringt Lena näher ihrer Mutter.

Während der zwei Stunden Sendezeit gibt es immer wieder „Wendungen“. Kleinere Rückschläge. Oder unvermutet auftauchende Hinweise und Tippgeber. Droht die Suche zu scheitern? Ein klein wenig Nachmittagsdrama für PRO7-Zuschauer.

Im Ergebnis ein Happy End – trotz aller Hindernisse. Daher auch die Eingliederung der Fernsehmacher in diese Reihe. So viele Hürden haben sie Lena aus dem Weg geräumt. Ihr großer Wunsch ging in Erfüllung. Huldigen wir den Mediengöttern und ihren Mitteln und Wegen.

Und an dieser Stelle einige Informationen, die bei einer Google-Suche bereits ziemlich weit oben zu „recherchieren“ sind. In einem Sri Lanka – Forum schreibt Joker, dass Lena eine gute Freundin von ihm sei. Und er suche jemanden, der für einige wenige Euro vor Ort in Sri Lanka recherchieren könnte.

Später schreibt Joker, dass er selbst festangestellter Redakteur bei der ausführenden Produktionsfirma sei und gibt an, dass Lena von sich aus gefragt hätte, ob er sich nicht mal umhören könnte, weil er bereits des Öfteren Familienzusammenführungen erfolgreich gestalten konnte. Sie beschäftigt dieses Thema schon einige Zeit. Und glücklicherweise passte der Fall dann auch in das „Anforderungsprofil“. So übernahm der Sender die Reisekosten für Lena und ihre beste Freundin. Mitte Oktober 2010 landete das Fernsehteam wieder in Deutschland. Hier noch einige Auszüge von Joker:

„als ich dann ziemlich dicht an lenas mutter dran war, erzählte ich ihr das natürlich und als sie das hörte, brach sie in tränen aus. jetzt solltet ihr vielleicht noch dazu wissen, dass lena zwar eine abgeschlossene berufsausbildung hat, aber im moment auf krankenpflegerin umlernt.
viel geld hat sie in ihrem erlernten beruf nicht verdient und während einer umschulung zur krankenpflegerin verdient man natürlich auch nur ein bisschen mehr als nichts. dieser zustand wird sich in den nächsten jahren aller vorraussicht nach auch nicht ändern“.

„sie ist fest davon überzeugt, dass das kennenlernen ihrer leiblichen mutter in dieser phase ihres lebens sehr wichtig für sie sein könnte und ihre therapeutin unterstützt sie in dieser meinung“

„ich schlage also dieses thema in meiner firma vor und sowohl sender als auch chefs sind davon sehr angetan. ICH PERSÖNLICH verdiene damit KEINEN CENT mehr, als ich sowieso verdiene. lena freut sich, dass ich mit dabei sein werde und da auch die reisekosten für ihre beste freundin mit übernommen werden, sind wir quasi eine kleine truppe von freunden, was für lena eine erhebliche erleichterung bedeutet.“

„das ganze projekt (ja, für mich ist es mittlerweile ein „projekt“) fordert mich bisher sehr, schließlich muss ich nicht nur lenas wünsche berücksichtigen, sondern natürlich auch meinem arbeitgeber und dem sender gegenüber einen schönen film abliefern. das die das natürlich nicht aus good-will-gründen bezahlen, sollte auch jedem klar sein.
das lenas leibliche mutter dabei natürlich nicht in irgendeiner form leiden soll, ist einer meiner persönlichen ansprüche an mich selbst. weder mein arbeitgeber, noch lena, noch ich wollen aber irgendwem etwas böses, ganz im gegenteil.

klar ist das fernsehen oft scheisse und ich persönlich besitze auch seit über 4 jahren keinen eigenen fernseher mehr, aber ich denke, das man auch da nicht alles über einen kamm scheren darf. jeder redakteur ist anders als der andere, jeder hat seine persönlichkeit und seinen eigenen stil. ICH führe keine leute vor und versuche jeden, mit dem ich zu tun habe (egal ob hartz4-empfänger oder neureicher schnösel) mit dem selben respekt zu behandeln und auch für sri lanka habe ich nichts anderes vor. das ist mein arbeits-ethos.“

Dank des Internets kann der Interessierte mit 2-3 Klicks herausfinden, dass die Beteiligten der Produktionsfirmen für ähnliche Formate „verantwortlich“ sind. Ob Joker für Formate wie „U20 – Deutschland Deine Teenies“, „The Biggest Loser – Abspecken im Doppelpack“ oder „Schwiegertochter gesucht“ als Redakteur tätig war, kann nicht mit Sicherheit angegeben werden.

Beschließen möchte ich mit den weisen Worten Jokers: „aus meiner/unserer sicht war das projekt ein großer erfolg. obwohl wir bereits von deutschland aus eine adresse der mutter hatten, war die „nachgestellte“ suche absolut erfolgreich und vor allem authentisch.“

Oder ganz profan (!) doch nur bunt und dramatisch inszenierte Geschichtchen fürs „Unterschichtenfernsehen“?

Artikel 1: „Wegbereiter des Verfalls?“, Wiener Zeitung, 28.02.2009

Artikel 2: „TV-Formate: Die Reality-Falle“, Spiegel-Online, 19.10.2009

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