Beitrag vom 23. November 2010Keine Kommentare
Götter (3)

An einem trüben Herbstabend laufe ich durch die Straßen der Stadt. Das Wetter ist ungemütlich. Nasskalt kriecht die Luft als Vorbote des Winters in meine Kleidung. An einer Unterführung sehe ich dann, wie ein Mann einen älteren Herren bedrängt. Wie handele ich? Zuerst einen Überblick verschaffen? Sich nicht selbst in Gefahr bringen, sondern nach Hilfe suchen und die Polizei verständigen. So jedenfalls wird es angeraten. Wenngleich wiederkehrende Experimente auf den Straßen der Republik zeigen, dass Courage dennoch nicht selbstverständlich ist, stellt sich mir die Frage nach Hilfe nicht. Und je nachdem wie stark die Bedrohung erscheint, sind die geeigneten Mittel auszuwählen. Wenn ein 10jähriger einen gleichaltrigen Jungen schubst, werde ich definitiv selbst dazwischen gehen, während ich nicht versuchen werde mit einem bewaffneten Bankräuber ins Gespräch zu kommen.

Was passiert, wenn die Bedrohung derart ausfällt, dass militärische Truppen das Leben von Zivilisten gefährden? Wenn eine Armee in ein anderes Land einfällt? Dann gilt es, die Bevölkerung zu schützen. Staaten verständigen sich darauf, dass in diesem Fall ein gemeinsam koordinierter militärischer Einsatz notwendig ist, um die nicht gerechtfertigte Grenzübertretung und Bedrohung menschlichen Lebens zu stoppen. Gegenwärtig rasseln Nord- und Südkorea erneut aneinander. Und nur, weil nicht jeden Tag in den Medien davon berichtet wird, bedeutet dies nicht, dass andere Konflikte nicht mehr existieren. Darfur? Somalia? Unabhängiges Kurdistan?

Das Streben nach Frieden, Freiheit und umfassender Demilitarisierung spricht nicht gegen eine Armee. Und können wir heutzutage felsenfest davon überzeugt sein, dass zukünftig keine Situation eintreten könnte, in der wir, also die in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen, von Krieg bedroht sein können? Aus diesem Grund scheint eine Armee zur Landesverteidigung unabdingbar. Im Fall des Falles müssen Soldaten die Bevölkerung schützen.

Gegenwärtig ist das Thema medial äußerst präsent. Gestern sendete die ARD vom Großen Zapfenstreich in Dresden. 20 Jahre Armee der Einheit galt es zu begehen. Bei Ansicht der Ehrenformation schwelgte ich in Erinnerungen. So etwas durfte ich auch 9 Monate lang erleben. Als Protokollsoldat beim Wachbataillon. Mit alten Karabinern, bei denen die Insignien des Nationalsozialismus per Fräse beseitigt wurden, Staatsgäste begrüßen oder beim Bundespräsidenten zum Zapfenstreich antreten. Im Rückblick vergeudete Zeit, zumindest für Menschen, die eigenständigen Gedankengängen zugetan sind, mit einigen wenigen erinnerungswürdigen Momenten. Und nach jährlich sinkenden Quoten einzuziehender Wehrpflichtiger wird sie voraussichtlich ab Juli 2011 ausgesetzt. Endlich wurde erkannt, dass eine bestens ausgebildete und motivierte Armee die wohl effektivste Lösung für die gegenwärtigen Anforderungen zu sein scheinen. Fehlt also nur noch die Ausrüstung und die Motivation.

Mehrere Jahrzehnte beschränkte sich die Bundeswehr zurecht auf humanitäre Hilfe. Technik, manpower und know-how kam weltweit bei Natur- oder Flüchtlingskatastrophen zum Einsatz. Allmählich wurden kleinere Kontingente deutscher Soldaten zusätzlich für friedenschaffende Einsätze entsendet. Gegenwärtig verrichten mehrere tausend deutsche Soldaten ihren Dienst in Afghanistan. Dort sichern sie den Frieden, heißt es. Den der Afghanen und selbstverständlich den der Bundesrepublik Deutschland. Krieg gegen den Terror oder Operation Enduring Freedom oder so.

Die Lage in Afghanistan ist kompliziert. Die Etablierung einer stabilen Regierung, die unabhängig internationaler Interessen demokratische Züge aufweist, die die Gegebenheiten der Bevölkerung berücksichtigt und fest gegen Korruption und Verletzungen der Menschenrechte einsteht, schier unmöglich erscheint. Zusätzlich sind die politischen Interessen der beteiligten Nationen zu hinterfragen. Und wundert es jemanden, dass die Entmachteten und andere zurückschießen?

Vor einigen Tagen lief irgendwie eine Reportage. Es ging um die sich im Einsatz befindlichen, die rückkehrenden und gleichermaßen um die mehr als 40 ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten. Fehlender Rückhalt wurde von Soldaten beklagt.

Mangelt es also an Respekt gegenüber unseren Soldaten?

Vor einigen Tagen genehmigte Bundespräsident Wulff auf Initiative von Verteidigungsminister Gutenberg eine Gefechtsmedaille. Sie kann Soldaten verliehen werden, die in Kampfeinsätze geraten oder gezogen sind. Denn die normale Einsatzmedaille wird jedem Soldaten im Einsatz verliehen, ganz gleich, ob er in Gefechte verwickelt war oder relativ „sicher“ im Feldlager seinen Dienst ableistete. Ein Verwundetenabzeichen wurde abgelehnt, weil eine Verwundung keine besondere, durch den Soldaten zu erbringende Leistung sei. Also? Wer in Afghanistan ein Gefecht übersteht, der bekommt einen „Kämpfer-Orden“. Wer im Feldlager in Folge einer einschlagenden Rakete verwundet wird, der genießt keine besondere Wertschätzung?

Der Berufssoldat ist Berufssoldat. Er kennt die Risiken seines Berufes oder sollte sie kennen. Daher schießt am Ziel vorbei, wer Soldaten mit Hilfe von „Kämpferorden“ hochstilisieren möchte. Es sind keine Götter. Bundeswehrsoldaten in Krisenregionen, im humanitären Einsatz und allen traumatisierten wie verwundeten Soldaten gebührt grundlegender Respekt. Aber kein Orden. Sinnvoll und notwendig, zu prüfen, ob der Einsatz deutscher Soldaten gerechtfertigt ist. Sinnvoll und notwendig, zu fragen, ob die Soldaten ausreichend ausgebildet, ausgerüstet und vor, während und nach den Einsätzen ausreichend betreut werden.

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