Beitrag vom 20. Dezember 2010Keine Kommentare
Vorsatz

Was war das nicht wieder für ein Jahr? Da in den nächsten Tagen langsam die geruhsame Zeit einsetzt, soll an dieser Stelle ein Denkanstoß erfolgen. Denn vor Veränderung kommt in der Regel die Absicht zur Veränderung.

Die Spendengalas im TV sind ja nun vorüber und die Deutschen waren noch nie so spendabel. Mehr als 14 Millionen Euro kamen im Ersten für Kinder zusammen. Durchschnittlich werden wir in diesem Jahr 245€ für Geschenke ausgeben. Dann zum Fest und zwischen den Jahren einen Gang zurückschalten. Die Liebsten mal wieder sehen mit gutem Essen und angenehmem Miteinander.

Ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende. Es gab eine neue Staffel von Germanys Next Topmodel und die Deutschen überstanden gemeinsam die Wirtschaftskrise. Seite an Seite. Störend sind weiterhin nur die ALGII Empfänger und Migranten. Belasten sie doch den Sozialstaat und entpuppen sich Fortpflanzungsprofis. Bei mehr als 1 Million verkaufter Exemplare wäre es fatal, Sarrazins Ausführungen als Einzelmeinung eines Verblendeten wegzuwischen. Kachelmann, WikiLeaks, Schneechaos und das ON/OFF von Lothar Matthäus und der merkwürdigen Frau an seiner Seite. Das könnten die Schlagzeilen des Jahres sein. Aber es gab noch andere. 35% des weltweit erzeugten Getreides geht als Futtermittel an Tiere. Biodiesel kann 10% fossiler Diesel beigemischt werden. Mehr als 11 Millionen Deutsche leben unter der Armutsgrenze. 2 Zehntel der deutschen Bevölkerung besitzt mehr als 80% des Nettovermögens des Landes.

Der Separatismus der Menschen ist eine gefährliche Triebkraft. Wir finden uns in Gruppen zusammen und grenzen uns ab. Auf der Arbeit und daheim. Beim Fußball und auch in der Oper. Sich abzugrenzen soll ja wichtig sein, um eine eigene Persönlichkeit herauszubilden. Identitäten schaffen. Gemeinschaft soll dadurch erst möglich werden. Aber wenn wir auf andere herabschauen, dann verlieren wir den Anschluss zueinander. Anders ist ja nicht gleich schlecht. Wir müssen ja nicht mit jedem gleich Blutsbrüderschaft eingehen, sondern sich lediglich miteinander beschäftigen. Und wenn wir uns nicht bewusst machen oder machen wollen, dass Menschen unterschiedlich sind und sein sollen, dann werden sich die Gruppen weiter abschotten. Die Gesellschaft hat sich schon in Stellung gebracht.

Es lebe das Leistungsprinzip. Bereits für Kinder geht es darum, wer wann was kann oder gelernt hat. Möglichst früh prasseln Lerneinflüsse auf die Nachkommen des Bürgertums ein. Kinder, deren Eltern keinen Nerv dafür haben oder nicht die Ressourcen werden ausgegrenzt. Anstatt miteinander zu leben, bilden sich Gruppen oder gar Lager. Gymnasien existieren parallel zu Haupt- und Sonderschulen. Der Unterschied zwischen Arbeitslosen und Managern ist dann, zumindest was ihren Generalverdacht in der medial konstruierten Öffentlichkeit angeht, gar nicht so groß. Das so genannte Unterschichtfernsehen ist auch ein Beleg für den gesellschaftlichen Separatismus. Die Deutschen schauen also gern anderen Leuten beim Leben zu; mit mehr Schadenfreude als Empathie. Wir könnten jahrelang über Verantwortung sprechen. Verantwortung der Fernsehmacher und Verantwortung der Zuschauer. Ändern wird dies jedoch nichts.

Im Kern tragen fast alle einen Teil der Verantwortung. Wir akzeptieren Andersartigkeit nur widerwillig. Wir erwarten Integration und integrieren uns selbst nicht. Wir möchten ein schönes Leben für uns, unsere Freunde und unsere Familie. Wir wollen etwas erleben. Wir möchten ein schönes Leben haben. Und schon haben wir unser kleines Einod. Dabei ist irrelevant, welcher sozialer Kaste wir angehören. Wir meiden einander.

Es gibt unzählige ehrenamtliche Helfer. Es gibt viele Aktionen. Es gibt Projekte. Es gibt auch Menschlichkeit. Keine Frage. Doch es ist nicht genug. Die sozialen Probleme nehmen weiter zu. Ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze. Es bedarf enormer Transferleistungen. Die Schwächsten der Gesellschaft werden stigmatisiert und regelmäßig stöhnen die Bessergestellten über den größer werdenden Klotz an ihren Beinen. Man fühlt sich überall gegängelt und aktive Teilnahme als Teil einer Gesellschaft findet im Großen kaum noch statt. Jeder sucht sich seinen Ofen an dem er sich wärmt. Wir überlassen das Denken anderen und uns lieber unterhalten. Das Schwarze Peter-Prinzip macht es uns doch leicht. Warum sollte ich was machen? Der Nachbar macht doch auch nichts. Und nur wenn unsere Lebenswelt durch Bahnhöfe bedroht scheint, finden wir uns zum klassenübergreifenden Widerstand zusammen. Warum stehen wir eigentlich nicht immer Seite an Seite, um die Probleme anzugehen? Weil sich eh nichts ändern würde?

Alles geht alle etwas an. So war es immer und wird es in Gesellschaften immer sein. Kinder, Tiere, Bäume, Gerechtigkeit und die Zukunft sind Teile unserer Welt. Und das auch wenn uns Kinder oder Tiere oder Bäume eigentlich egal sind. Wir können uns eben nicht zurücknehmen. Einfach weil wir leben. Wir müssen uns zusammenreißen, kennenlernen und miteinander reden. Es mag an Idealismus grenzen. Vielleicht bin ich auch ein wenig verrückt. Aber ich glaube, dass wir das schaffen können; schaffen müssen. Denn unser Dasein ist nicht so gesichert, wie wir es gern hätten. Und wenn wir nicht beginnen, die Probleme anzugehen, nämlich offen, gerecht und ohne überall die Gefahr der eigenen Übervorteilung zu sehen, dann kann ein Stein ins Rollen kommen, der dann nicht mehr aufzuhalten ist. Wir Deutschen haben ein gravierendes Mentalitäts- und Systemproblem.

Ein erster Schritt könnte Offenheit und Neugier sein. Vielleicht einfach mal über die eigene Lebenswelt hinaus schauen. Für andere offen sein, heißt doch nicht, sich aufgeben zu müssen. Und wer sagt, dass alles doch nicht so schlimm ist, der sollte genauer hinsehen, ehe es zu spät ist. Das wäre doch mal ein guter Vorsatz.

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