Beitrag vom 11. Februar 2011Keine Kommentare
2062

Ich genieße die Gespräche mit meiner Großmutter. Wenn wir am Abend in der Küche sitzen, sprechen wir über ihre Erfahrungen. Wenn sie von den bewegten Jahren ihrer Jugend spricht, schafft sie es, mich mit ihren Worten in eine weit entfernte Welt mitzunehmen. Ich klebe förmlich an ihren Lippen. Und ihre Erinnerungen sind so lebendig und detailliert, wie es kein Lehrbuch in der Schule vermag. Ich liebe ihren Erzählstil. Und ich liebe, dass ich sie jederzeit mit meinen Fragen unterbrechen kann. Dazu trinken wir Tee.

Gestern Abend erzählte sie mir einmal mehr vom Umbruch. Die friedliche Revolution, die heute, nach 42 Jahren, nur noch im Unterricht oder zu Jubiläen in den Medien präsent ist. Auf den Straßen erinnert nichts mehr an die bewegenden Tage, in denen sich für Millionen von Menschen das Leben grundlegend änderte. Tage, in denen sie nicht absehen konnten, ob ihr Protest in irgendeiner Form Früchte tragen würde. Eine Zeit, in der sich unterschiedlichste Menschen mit ganz unterschiedlichen Zielen solidarisierten und auf die Straße gingen.

Meine Großmutter erzählte, dass sich damals die Menschen ins Private zurückgezogen hatten. Viele von ihnen waren unzufrieden, vermochten es aber nicht, gegen die Entscheider zu protestieren. Resigniert lebten sie in ihrem Umfeld und machten im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste draus. Im Privaten wurden Netzwerke gebildet und das Verhältnis zu den Nachbarn und Freunden wurde intensiviert. Die Menschen wurden apolitisch oder sie folgten blind den Politikern und machten ohne Überlegungen einfach ihre Kreuze auf den Stimmzetteln. Und viele Menschen hatten einfach Angst. Sie waren unzufrieden und wollten es nicht mehr hinnehmen, dass über ihre Köpfe hinweg Politik in ihrem Namen gemacht wird. Sie wollten gegen die Ungerechtigkeit und gegen die politische Klüngelei angehen. Aber dann kam die Angst. Denn ihnen ging es eigentlich gut. Sie verdienten etwas Geld. Sie hatten Essen und scheinbar viele Freiheiten. Aber sie wissen auch, dass sie, wenn sie etwas dagegen machen wollten, ins Visier der Institutionen geraten würden. Und die Mechanismen Druck aufzubauen, wurden in den letzten Jahren noch einmal erhöht. Wer gegen die Herrschenden aufmuckte, wurde unter Druck gesetzt.

Aber nach und nach kam dennoch etwas in Gang. Meine Großmutter meint, dass es keinen bestimmten Anlass gab. Eher wären es unzählige Faktoren gewesen, die bewirkten, dass die Menschen aufbegehrten. Eine kleine Gruppe fing an. Diese Menschen trotzten dem Druck. Sie wollten und konnten nicht in diesem System so weiterleben. Sie demonstrierten. Sie machten von ihren „demokratischen“ Rechten Gebrauch, auch wenn sie vom Staat aufgrund ihrer Gefährlichkeit für das System Repressalien hinnehmen mussten. Überwachung. Einschüchterung. Drohungen. Und mit der Zeit kamen mehr Leute. Der Staat vermochte es ab einem Zeitpunkt nicht mehr, die Bewegung aufzuhalten. Erst entstanden Gesprächsrunden. Dann Massenproteste. Dann Generalstreik. Panisch reagierte das System und initiierte Scheinverhandlungen, die jedoch scheiterten. Sämtliche Zugeständnisse gingen den Menschen nicht weit genug. Sie wollten keine halbgaren Notbehelfe mehr, die die Menschen wieder in ihre Lethargie zurückbringen sollte. Dafür war es schon zu spät.

Die Menschen wollten wirkliche Freiheit und ein anderes System. Ein System, welches die Eliten nicht mehr bevorzugt. Ein System, in welchem die Menschen aktiv an der Gestaltung mitwirken können und sollen. Ein gerechteres System. Ohne Überwachung und ohne Ängste.

Am Ende ging alles recht schnell. Innerhalb kürzester Zeit wurden von den demonstrierenden Gruppen Vermittler gewählt, die sich zu Gesprächen trafen. Es wurde ein grundsätzliches Manifest erarbeitet, in welchem die grundlegenden Forderungen und Ziele formuliert wurden. Danach wurden Neuwahlen anberaumt und die neu entstandenen Parteien erzielten die absolute Mehrheit.

Die Augen meiner Großmutter leuchten, wenn sie von diesen Ereignissen spricht. Sie sagt, dass es anfänglich eine unruhige Phase gab. Die Umstrukturierungen machten ja nicht allein vor dem politischen System halt. Sondern es handelte sich um eine grundlegende gesellschaftliche Neuorientierung. Eine Bewegung, die gewissen Menschen nicht passte. Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit – die Personen, die davon nicht profitierten, weil sie Einbußen befürchten mussten, wehrten sich mit Händen und Füßen. Doch die neue Generation der Politiker und weite Teile der Gesellschaft blieben stark und die, die nicht mitziehen wollten, verließen das Land.

Meine Großmutter hält dann inne, holt tief Luft und ihre Augen werden glasig. Sie hatte in ihrer Jugend erlebt, wie in der DDR eine Bewegung einfach übergangen wurde und ein ganzes Land an ein anderes angeschlossen wurde. Sie schaut in ihre Teetasse und schweigt.

Ich bin in dem neuen System aufgewachsen. Für mich sind unsere Grundsätze von Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit normal. Die Erzählungen meiner Großmutter sind für mich ganz weit weg. In der Schule lernten wir, wie schwierig der gesellschaftliche Wandel damals war. Wie gegen Widerstände und Druck ein Großteil der Menschen dennoch den eingeschlagenen Weg weiterverfolgten. Meine Großmutter erzählt mir dann immer von den vielen Menschen, die in anderen Ländern ihr Leben verloren, als sich dort ähnliche Bewegungen herausbildeten. Die Machthaber dort sahen die Gefahr und ließen das Militär auf das eigene Volk los. Aufzuhalten war die Bewegung dennoch nicht mehr.

Alles begann im Jahr 2020. Wieder einmal wurde das Land von einigen wenigen in Bedrängnis gebracht. Und wieder einmal gab die Politik an, dass die Gesellschaft einspringen müsste, um das System zu erhalten. In den Jahren vorher wurde der Datenschutz aufgeweicht. Abweichler wurden überwacht oder von unzähligen staatlichen Organen gegängelt. Mit dem neuen Pressegesetz von 2017 wurde freie journalistische Arbeit quasi abgeschafft. Zusätzlich stiegen die Preise, aber nicht die Löhne. Während ein Großteil der Bevölkerung immer größere Einschnitte hinnehmen musste, predigte die Politik, dass es bald, ja bald, alles wieder ins Lot kommen würde. Während eine, im Verhältnis zu den Menschen des Landes, kleine Gruppe weiterhin handeln konnte, wie sie wollte. Die Jagd nach Profit. Und sollte etwas in die Hose gehen, dann übernehmen stets andere die Verantwortung.

Heute, im Jahr 2062, hat sich ein System etabliert, welches ich nicht mehr missen möchte. Und ich danke meinen Großeltern und ihrer Generation, dass sie damals gemeinsam den Schritt wagten, aufzubegehren und gemeinsam ihre Verantwortung für die Struktur einer Gesellschaft und Gemeinschaft erkannten.

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