Beitrag vom 13. April 2011Keine Kommentare
Produktsiegel (1)

Können Konsumenten Produktsiegeln eigentlich trauen?

Wenn wir einmal ganz ganz ehrlich sind, dann könnten wir, als Konsumenten, jedes einzelne Produkt, welches wir kaufen möchten, vorher genau analysieren, damit wir sicher gehen können, dass es unseren Vorstellungen auch wirklich gerecht wird. Aber wer hat schon die Zeit oder vielmehr die Lust, bei seinem wöchentlichen Großeinkauf für eine 4-köpfige Familie jedes Produkt unter die Lupe zu nehmen? Ich jedenfalls fühle mich bei einem Einkauf schnell gestresst, wenn ich unzählige Verpackungsangaben lesen muss. Außerdem bedarf es eines Expertenwissens jede einzelne Zutat als gut oder schlecht zu erkennen. Gut, dass es bereits mehrere Siegel gibt, die uns zumindest eine große Last von den Schultern nehmen. In den Medien aber tauchen regelmäßig immer wieder Berichte auf, dass dieses oder jenes Siegel mit Vorsicht zu genießen sein sollte. Namenhafte Organisationen geben Stellungnahmen heraus, in denen sie bestimmte Aspekte der Zertifizierung von Produkten oder Unternehmen für unterschiedliche Gütesiegel scharf kritisieren. Wie gesagt, ein Konsument hat in der Regel nicht das Fachwissen, sich haarklein mit allen Bestandteilen der Zertifizierung von Siegeln zu beschäftigen. Also: Kann den Siegeln eigentlich vertraut werden?

Wie Bio ist Bio?

Ich kaufe häufig Produkte, von denen ich denke, dass sie Bio sind. Sie schmecken mir nicht besser und sie machen mich wohl auch nicht gesünder. Vermutlich geht es mir eigentlich darum, ein Bewusstsein für meinen Konsum zu entwickeln und aus diesem Grund auf ökologisch unbedenkliche Nahrungsmittel zurückzugreifen. In Deutschland gibt es das staatliche Bio-Siegel, welches nach bestimmten Kriterien an Produkte vergeben wird. Ende März 2011 trugen 62.134 Produkte von 3856 Unternehmen das Bio-Siegel. Es erweist sich mehr und mehr als funktionierendes Marketinginstrument, wenn ein Produkt das Siegel trägt. Zusätzlich existieren mehr als 100 weitere Bio-Marken und Öko-Siegel. Unterschiedliche Verbände oder Zusammenschlüsse haben Kriterien für ihre Siegel aufgestellt. Ökologische Landwirtschaft ohne den Einsatz von Pestiziden oder Kunstdünger. Biosaatgut ohne gentechnische Veränderungen. Bio boomt weiterhin. Sagt zumindest die Biobranche. In den Jahren 2004-2007 betrug der Anteil der Bio-Lebensmittel in Deutschland gerade einmal etwa 3,6%. Klingt wenig. Bio als Markt-Nische? Bei einem Umsatz der Bio-Branche im Jahr 2009 von etwa 5,85 Milliarden Euro kann wohl im Vergleich mit der herkömmlichen Nahrungsmittelindustrie wirklich von Nische gesprochen werden. Es liegt auch daran, dass Bio unter den gegenwärtigen Marktbedingungen gegenüber der traditionellen Lebensmittelindustrie nicht wettbewerbsfähig ist.Laut einer Erhebung zu den Kunden des Ökomarktes sind mehr als 80% der Konsumenten Wenig- oder Zufallskäufer. Insgesamt kann durch die hohen Standards im Großen und Ganzen davon ausgegangen werden, dass die deutschen Bio-Siegel durchaus vertrauenswürdig sind. Dennoch lohnt sich ein regelmäßiger Blick auf die Zutatenliste auch bei Bio-Produkten. Wie foodwatch angibt, sind laut EU-Öko-Verordnung 50 Zusatzstoffe zugelassen, darunter auch umstrittene wie das Nitritpökelsalz oder Carrageen. Viele mittlerweile trendige Bio-Limonaden weisen beispielsweise natürliche Fruchtaromen auf, die nicht unbedingt aus Früchten gewonnen wurden, sondern aus Bakterien und Enzymen. Da kann man foodwatch folgen, die angeben: „Bio essen und alles ist gut“ ist also nicht richtig. „Bio essen und vieles ist besser“ dagegen schon.

Qualität und Sicherheit?

Also knapp 96% des deutschen Lebensmittelmarktes macht die traditionelle Lebensmittelindustrie aus. Jedem ist das Gütesiegel „QS“ bestimmt schon einmal aufgefallen. Qualität und Sicherheit verspricht das im Jahr 2001 eingeführte Siegel. Hinter dem Gütesiegel steht die Lebensmittelwirtschaft. Nur ist es so, dass in diesem Zusammenschluss eine Vielzahl von Betrieben und Industrien darin zusammengefasst sind. Dennoch wurden einige Lebensmittel-Skandale in den letzten Jahren aufgedeckt, deren Hauptakteure auch im QS-System verankert waren. Dioxin, Unregelmäßigkeiten bei BSE-Tests oder Umetikettieren von Fleisch. Wie vertrauenswürdig ist ein Siegel, das aufgrund der enormen Anzahl der Beteiligten eine lückenlose und regelmäßige Kontrolle gar nicht leisten kann? In diesem Zusammenhang kritisierte Foodwatch, dass das System dem Konsumenten eine Sicherheit der Kontrolle suggeriere, die es eigentlich gar nicht gäbe. In der Gegenwart nennt sich dieses System: QS – Ihr Prüfsystem für Lebensmittel. Im Jahr 2009 gab es nach eigenen Angaben 41.000 Audits. Lediglich 4 Prozent der Betriebe offenbarten demnach zu beanstandende Mängel. Nur, was sagt das Siegel eigentlich aus? Foodwatch kritisiert, dass das Siegel letztlich nur angibt, dass die gesetzlichen Standards eingehalten werden würden. Es ist nicht davon auszugehen, dass das QS-System ausschließlich dazu dient, ein Image der Sicherheit und des Vertrauens zwischen der Industrie und den Konsumenten aufzubauen. Es mag durchaus sein, dass auch wirklich Kontrolle und Sicherheit im Fokus stehen, denn die Vermeidung von potentiellen Imageschäden durch Selbstkontrollen und Überprüfungen sind nicht von Nachteil. Aber was ist, wenn die umgesetzten gesetzlichen Bestimmungen dazu führen, dass zwar alles im legalen Rahmen stattfindet, aber der legale Rahmen fragwürdig ist? Mastbetriebe und Eierfarmen seien hier nur exemplarisch als Kritikpunkte erwähnt. Die Zeitschrift Öko-Test hat im Jahr 2010 knapp 300 unterschiedliche Siegel getestet. Für große Zertifizierungssysteme wie QS oder TÜV kommt Öko-Test zu dem Ergebnis, dass diese Institutionen auf Nachfragen zwar gern erste Auskünfte erteilen würden, aber letztlich nicht wirklich transparent seien.

Es ist gut, dass es Organisationen gibt, die weiterhin ein Auge auf die Lebensmittelindustrie haben. Besser wäre es, wenn die Konsumenten ein wirkliches Bewusstsein dafür entwickeln würden, dass der ausschließliche Blick auf den reinen Preis von Lebensmitteln nicht alles ist und nicht alles sein kann. Der Kunde kommt nicht drum herum, sich regelmäßig über die gekauften Produkte, Prüfverfahren und Siegel zu informieren.

Links:

Wikipedia zu Bio-Siegel

Foodwatch

Zahlen Bio-Branche 2009

Greenpeace

Öko-Test

——

demnächst Produktsiegel (2): Siegel für Holz- und Papierprodukte

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