Beitrag vom 17. November 2008Keine Kommentare
Im Wendland sind wir alle Chaoten und Idioten…

Gorleben, an einem Wochenende im November. Massen von Menschen in Outdoor-Klamotten sind unterwegs, manche tragen Transparente, jemand verkauft Ausweise für die Republik Freies Wendland. Was ist denn hier eigentlich los?

Gorleben ist ein kleines Dorf im östlichsten Zipfel von Niedersachsen, dem Lankreis Lüchow-Dannenberg, besser bekannt als Wendland – Niedersachsens wilder Osten, früher an drei Seiten umgeben von der DDR, direkt an der Elbe und sonst eher bekannt für den Naturpark Elbufer-Drawehn, wenn denn überhaupt.

In den 70-er Jahren wurde der Ort zum Standort für ein potentielles Endlager für hochradioaktiven Atommüll erklärt. Vor allem zwei Argumente sprachen in der offiziellen Begründung damals für Gorleben: die Nähe zur innerdeutschen Grenze (bei einer atomaren Katastrophe in Gorleben hätten allein in einem Radius von 30 km über 70% der betroffenen Menschen in der DDR gewohnt) und die geringe Bevölkerungsdichte durch ruhige Landbevölkerung, von der kein Widerstand zu erwarten sei.

Momentan gibt es noch kein Endlager, lediglich ein sog. Zwischenlager – die hochtrabende Bezeichnung für eine überirdisch stehende Halle, in denen mittlerweile etwa 50 Castorbehälter auf ihre Endlagerung warten.

Und eine nunmehr dreißig Jahre andauernde Protestgeschichte. Diese hat den Landkreis geprägt, in dem man entweder dafür oder dagegen, auf gar keinen Fall aber neutral sein kann. Hier kann man sich der politischen Diskussion nicht entziehen. Sie spiegelt sich in Spruchbändern, die Botschaften verkünden wie „Gorleben ist überall“, in Aufklebern und natürlich in den bunten, meist gelb leuchtenden X-en, die überall im Landkreis verteilt sind und an den Tag X erinnern, den Tag des Transports des Mülls aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben.

In den letzten Tagen war wieder so ein Tag X. Aber wie erklärt man Menschen, die noch nie im Wendland waren, was dort regelmäßig, meist einmal im Jahr passiert?

Freitag komme ich am Bahnhof an. Man sieht erste Demonstranten, erkennbar an den großen Trekkingrucksäcken. Die Weiterfahrt ist unproblematisch – nie ist es in diesem so wenig besiedelten Landkreis so einfach Mitfahrgelegenheiten zu finden wie während der Castor-Tage.

Die Autofahrt durch den Landkreis. An jeder Straßenkreuzung, jeder Bahnüberführung, jedem Waldweg mit Verbindung zur Transportstrecke steht ein Polizeibus. Seit Wochen rollt eine Kolonne nach der anderen ins Wendland – am Ende werden es etwa 10 000 Beamte.

Am Samstag beginnt der Tag mit der Auftaktkundgebung vor dem Zwischenlager. Aus ganz Deutschland sind Busse angemeldet, die Rede ist von 95 und die wendländische Bevölkerung ist anscheinend sowieso geschlossen unterwegs.

Während der Kundgebung dann die Zahl: Wir sind mindestens 15000, so viele sind seit den ersten Anfangszeiten nicht mehr gekommen.

Am Ende ein Konzert mit Madsen, den Local Heroes des Wendlands. Ob Sätze wie „Für das hier gibt es keinen Kompromisss / Nur du weißt was falsch oder richtig ist“ bei der Polizei ein mulmiges Gefühl auslösen? Und dann das Lied, das zu der gesamten Stimmung passt wie kein anderes: „Du schreibst Geschichte“

Der Widerstand scheint sich zu reanimieren, aber es liegt auch eine weitergehende Aufbruchstimmung in der Luft. Man scheint umgeben von Menschen, die beschlossen haben angesichts der riesigen Probleme der Welt nicht zu kapitulieren, sondern wenigstens ihr Bestes zu tun. Wie sagt Madsen so schön? „Hier kommt ein ganz normaler Held, ich rette die Welt.“

Im Anschluss an die Kundgebung wird spontan der Platz vor dem Zwischenlager besetzt, die ersten Robin-Wood-Aktivisten hängen bald in den Bäumen. Der Zug mit den elf Behältern (diesmal wegen Zulassungsschwierigkeiten gar keine Castoren) muss elf Stunden auf der Strecke stehen, wegen einer Ankettaktion kurz hinter der französischen Grenze.

Am Sonntag beginnt der Tag früh. Menschen, die direkt an den Gleisen wohnen, laden alle zum Brunchen ein, auf Handzetteln wird erläutert, was das Prinzip gewaltfreier Sitzblockaden ist, jeder Demonstrationsteilnehmer soll die Nummer des Ermittlungsausschuss zur Verfügung haben – im Falle von Ingewahrsamnahmen und polizeilichen Übergriffen ist dies die Nummer der Wahl.

Die kommenden Tage sind geprägt von phantasievollen Aktionen:

Der Platz vor dem Zwischenlager wird besetzt, die ersten Robin-Wood-Aktivisten hängen bald in den Bäumen. Der Zug mit den elf Behältern (diesmal wegen Zulassungsschwierigkeiten gar keine Castoren) muss elf Stunden auf der Strecke stehen, wegen einer Ankettaktion kurz hinter der französischen Grenze. Menschen, die direkt an den Gleisen wohnen, laden alle zum Brunchen ein. Beim „Aufstand der Zwerge“ laufen schließlich vier mit Zipfelmützen ausgestattete Gruppen durch den Wald, die Transportstrecke wird mit durchdachten Taktiken gestürmt. Das Vorgehen ist ruhig, entschieden, gewaltfrei – aber wirkungsvoll.

Allerdings ist man nicht unbeobachtet und schnell von Polizeitrupps umringt. Man wird angeleuchtet, gefilmt, Pferde reiten hinter einem vorbei, Hubschrauber fliegen, einzelne Trupps kommen im Laufschritt auf einen zu.

Wie ist die Strategie wohl dieses Jahr? Deeskalation oder schnelles und hartes Durchgreifen? Man wird unruhig, wenn die Beamten ihre Helme wieder aufsetzen. Der ein oder andere Zwischenfall passiert immer, hier ein Tritt, dort eine blaue Nase, einzelne Beamte nutzen die unübersichtliche Situation.

Nach der Räumung geleitet uns die Polizei in den Wald, dort formieren sich die Gruppen neu, um wieder auf die Gleise zu gelangen, wieder geräumt zu werden – z.T. geht das so bis der Zug in der Nacht zum Montag endlich in Dannenberg am Verladebahnhof ankommt. Über zwölf Stunden dauert jetzt das Verladen der Behälter vom Zug auf Tieflader.

Abends vor dem Zwischenlager: Hier sind Planen zur Überdachung aufgespannt, einige Trecker stehen auf der Straße, alles ist mit Strohsäcken ausgelegt, es gibt heiße Getränke und Essen, Samba-Musiker kommen zur Motivation. Vor dem Tor stehen seit Tagen fünf Polizisten zur Bewachung. Nachts versuchen alle zu schlafen, trotz der immer wiederkehrenden Hubschrauber.

Morgens langsam die Umorganisation in eine Sitzblockade. Im Radio Freies Wendland (extra für die Castortage) wird über Aktionen im ganzen Landkreis berichtet: Greenpeace-Aktivisten haben sich vor dem Verladekran an einen Tieflader gekettet. In anderen Dörfern haben sich Trecker ineinander verkeilt, angeblich fast unräumbar, Robin-Wood-Aktivisten hängen in den Bäumen und an Brücken, Menschen ketten sich an herangeschaffte Betonpyramiden.

Zwei Kletterer erklimmen in Windeseile und vor den Augen der hilflosen Polizei zwei Laternenpfähle direkt neben dem Tor zum Zwischenlager und entrollen ein Transparent: „Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos“.

Es wird fleißig applaudiert, die Stimmung ist gut.

Gegen halb zwei beginnt die Räumung. Um vier Uhr ist die zweitägige Blockade am Zwischenlager aufgelöst. Aufgrund der anderen Aktionen dauert es noch bis in die Nacht, bis der Transport im Zwischenlager eintrifft.

Was bleibt von den letzten Tagen im Ausnahmezustand?

Ob nun Clowns um Polizisten herumhüpfen, Gleisblockaden mit Dudelsackmusik begleitet werden oder jemand mit einem eigens angefertigten Waffeleisen Waffeln backt, die von der Wendlandsonne und einem Schriftzug „Atomkraft-Nein danke“ geziert werden – ja, man könnte den Eindruck bekommen, dies ist ein einziges großes Happening. Aber der Eindruck verfliegt in dem Moment, wenn ein Behälter nach dem anderen an einem vorbei rollt. Nach einigen Tagen voll hoffnungsvollem Idealismus holt einen nun die Realität wieder ein – der Transport kommt im Zwischenlager an, denn das tut er letztendlich immer.

Und an den Reaktionen sieht man: Das hier sind keine Demonstrationen zum Selbstzweck. Auch wenn von der WM abgeschaut kleine Fahnen mit Wendland-Sonnen an den Autos flattern – dies ist keine Spaßveranstaltung. Aber die Menschen hier kämpfen einen fast aussichtslos erscheinenden Kampf – wenn man angesichts dessen nicht verbissen werden will, muss man sich den Spaß, den Humor und die gute Laune schon irgendwie bewahren.

Und am Ende steht die Bilanz: Durch die zahlreichen Protestaktionen war der letzte Transport der längste in der bisherigen Geschichte. Die Ankündigung von Samstag ist wahr geworden – wir haben Geschichte geschrieben.

Aber was kommt danach? Andreas Maier, Schriftsteller und ursprünglich nur für ein halbes Jahr im Landkreis, sagte das auf der Kundgebung sehr schön: „Werdet über das Jahr nie zu Eiferern. Ihr wisst selbst, wie schnell wir anderen auf die Nerven gehen. Das bringt gar nichts, das stößt nur ab. Aber bleibt der Wahrheit treu und lasst nie nach. Kommt immer wieder her, Jahr für Jahr, auch wenn es gerade mal nicht Mode ist. Wir sind ja sowieso völlig aus der Mode. Wir haben ja angeblich alle Bärte und jonglieren den ganzen Tag. Kommt immer wieder zurück ins Wendland, wo man der Wahrheit über uns näher ist, so nahe wie nirgends sonst. Und lasst euch vollkommen egal sein, was die sagen, die das hier nicht kennen.“

In diesem Sinne – der nächste Castor kommt bestimmt. Auf ein Wiedersehen im Wendland!

Links:

Endlager allgemein: http://de.wikipedia.org/wiki/Endlager

Asse: http://www.stern.de/politik/deutschland/:Bergwerk-Asse-II-Risse-Atomklo/624683.html?id=624683&mode=comment

Fotos von der Blockade: http://www.x-tausendmalquer.de/

(L.B.)

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