Beitrag vom 1. Februar 2009Keine Kommentare
Kreuzburg Audiostream 05/09

(KW 05 2009) – Titel: Räder

Download Audio File:
2009-02-01-Kreuzburg-Raeder.mp3

Dies ist die Stimme der Kreuzburg

-SogderVergänglichkeit-

Auf Rädern rollt alles dahin. Gab es überhaupt eine Zeit, in der alles linear, hintereinander und in wohl geordneter Abfolge passierte, sie ist vorüber. Beschleunigung ist und bleibt das Maß aller Dinge und maßvoll ist nur noch der, der sich selbst nicht mehr ernst nehmen kann und das können die wenigsten.

So fliegt sie dahin unsere Zeit, ein Zug, der den Bahnhof verlässt und während sich hinten noch niemand im Klaren darüber ist, wo die Fahrt überhaupt hingeht, wird vorne schon ordentlich angeheizt. Der grelle Pfiff des Schaffners ertönt und als wäre der Bahnsteig das Tor zur Erlösung, steigt ein, wer einen Koffer in die Hand bekommen hat.

Türen schließen sich und beseelt vom Glück fahren sie davon, lassen zurück, was zurück gehört. Während Menschen auf dem Bahnsteig mit weißen Tüchern in der Hand froh und doch voll Ungewissheit hinterher winken und immer kleiner werden, heißt es volle Fahrt voraus. So strecken sie ihre Köpfe aus den Fenstern und lassen sich berauschen von dem Sturm der Wahrhaftigkeit, der ihnen entgegen braust. Da beginnen sich die Gleise von einer ungestümen Urkraft gepackt zu bersten, heben und senken sich wieder und schneller. Der Zug muss ächzen, muss Stöhnen, unter seiner eigenen Last beginnt sich die gefestigte Form zu verschieben, im Strudel wird das Begrenzte zum Kreis und dreht sich, bis das Unten zum Oben und der Anfang zum Ende wird, sich vorne und hinten verkehren.

Die Menschen schreien. Von Schwindel und Übelkeit überwältigt versuchen sie vergebens, sich im Zug zu halten. Die Leiber werden herausgeschleudert, landen im Hier und da, im Nichts und Nirgendwo. Geblendet vom Rausch taumeln die Geschundenen umher und den Zurückgebliebenen bleibt nichts anderes übrig, als verzweifelt weiter mit den weißen Tüchern zu winken und dann rauscht der nächste Zug heran, fährt mit dem Geräusch von schreiendem Eisen in den Bahnhof ein.

„Ihr müsst euch am Koffer festhalten, haltet euren Koffer fest!“ stöhnt es aus trockenen Kehlen. Noch einmal türmt sich die Säule der Sehnsucht vor Ihnen auf, dann verschlingt der Rausch die Berauschten und reißt das Gewesene in die Tiefe hinab.

Auf dem Bahnhof laufen Menschen umher, verabschieden sich, suchen ihr Billett, tragen schwere Last an ihrer Seite. Der Pfiff ertönt auf dem Bahnsteig und Türen schließen sich. Wohin es geht? Immer weiter. Wenn es eine Möglichkeit gibt, werden wir es tun. Deswegen haben wir den Bahnhof gebaut, deswegen fährt der Zug, deswegen sind wir Mensch, sagt der Mensch, greift nach einem Koffer und springt auf den letzten Wagen. „Das ist der Sog der Vergänglichkeit. Habt ihr etwa Angst?“ schreit er lachend die wachsende Entfernung an, während der Zug ihn hinfort reißt.

Dann grüßt er mit Hut und ruft: „Ha! Mensch! Angst sollte man doch so oder so, vor nichts und niemandem haben!“.

Die Kreuzburg – jeden Sonntag auf Radio Fritz bei KenFM – www.kenfm.de

Kommentare
Einen Kommentar schreiben
XHTML: Du kannst diese Hervorhebungen verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>