Beitrag vom 8. April 2009Keine Kommentare
Subvokal
Das Lesen unter der Lupe

Mein Gesichtssinn erkennt das Wort, mein Bewusstsein jedoch greift nach ihm. Einerseits mit Aktivität, mit der Sprache, andererseits mit dem Gehör (auch wenn die Töne nur imaginiert sind) als zusätzlichem Sinn. Dieser letzte Punkt nun, ist der eigentliche der Bewusstwerdung, indem ich den Text höre, verstehe ich ihn.

Vergleiche wir einmal diesen Vorgang mit Musik. Ich möchte die folgende Analogie vorschlagen. Zuerst liest man die Note, dann spielt man sie und abschließend wird sie gehört. In diesem Augenblick des Klangs erfährt man sie im Bewusstsein. Ein eindeutig langsamer Prozess bis zum endgültigen Eindruck, möchte man urteilen.

Ein geübter Musiker wäre sicherlich in der Lage den Zwischenschritt des Spielens außen vor zu lassen, wodurch die Geschwindigkeit sich sicherlich um ein Drittel erhöhen würde, wenn nicht sogar mehr. Der Prozess der Zuordnung von Notenbild und Taste oder Seite, oder dem jeweiligen Instrument entsprechend, erscheint komplexer, als die beiden sinnlichen Begriffe des Noten Sehens und endlich Hörens. Ich denke, dass der Schritt ein Wort zu sehen und dann über den Lautapparat aus zu weisen ähnlich abläuft. Dagegen spricht auch nicht, dass der Unterschied zwischen der motorischen und sprachlichen Umsetzung, des Gelesenen, ein wesentlicher ist.

Weitet man den Versuch jedoch aus, bis hin zum Akkord, gewinnt das Gedankenspiel an Spannung. Man sieht sich plötzlich vor die Frage gestellt, ob die Annahme noch zulässig ist, dass man, analog zum Einzelton, wie oben, auch hier jede Note einzeln spielt, damit sie abschließend als Gesamtklang im Bewusstsein entsteht?

Ich bin mir über einen Vergleich zur Lesetechnik momentan nicht im Klaren, der parallel zum Akkord stehen kann, oder doch?

Nehmen wir einmal an, der Gesamtklang der Akkordnoten entspräche – im Bild gesprochen, dem Inhalt eines Satzes, ober Abschnittes, vielleicht besser ausgedrückt, die Idee, die in ihm steckt oder der entsprechende Gedanke.

Nun gilt es zu fragen, wie ich mich ihr als Leser näher. Taste ich mich mit Hilfe vermittelnder Sinne an die Idee heran, oder vermag ich es, sie, gleich dem Akkord, in ihrer Gesamtheit zu erfassen?

Es ist natürlich klar, dass sich Musik und Literatur unterscheiden und so, wie einige Fachmänner ein Orchester wegen seines Klangs und nicht nur der gespielten Stücke wegen schätzen, wird der Literat

Wortjonglagen, Lautmalerein und dergleichen nicht missen wollen. Was wären Gedichte und Texte voller Mehrdeutigkeit, ohne die langsame, ruhige Auseinandersetzung mit ihnen?

Doch das ist ja auch gar nicht der Untersuchungsgegenstand. Das eben Genannte sind ja Ausnahmeerscheinungen und nicht die Textregel. Mir bleiben Zweifel daran, ob eine langsame, auf der Zunge zähgehende Lektüre das Höchste der Lesekunst darstellt. Das Gemächliche eröffnet zwar jedem Wort eine Vielzahl von assoziativen Fortführungen, was der Denkgeschwindigkeit geschuldet ist, ob es sich dabei jedoch um die Beschäftigung mit dem Text oder eher mit der, dem Leser eigenen Psyche handelt, bleibt zu hinterfragen.

Meiner eigenen Langsamleseerfahrung nach empfinde ich diese Assoziationsketten als ein störendes Abschweifen und stehe nicht selten, mit einem Tagtraum am Ende einer Seite, nur, um sie gleich noch einmal zu lesen.

Vielleicht kennt der ein oder andere den beschriebenen Zustand des Lesetagtraums selber.

Aus der Überlegung heraus, dass die höhere, optische Lesegeschwindigkeit dem Abschweifen ähnlich ist, nur um die Besonderheit ergänzt, dem Verstand regelmäßige Signale zu geben und ihn so an der Textidee zu binden, möchte ich zu einem Bild übergehen, das meine Vorstellung illustriert.

Sitzt man also an einem Text wie in einem Taxi und versucht nun dem Fahrer den Weg, den man ja noch gar nicht kennt, vorzugeben, oder anders, sich an jeder Biegung absichert, wodurch man die Fahrt unnötig in die Länge zieht, geht der Sinn des Chauffeurs verloren.

Hat man die Fahrt jedoch schon einige Male mit hoher Geschwindigkeit gemacht, bemerkt man bei jedem weiteren Male neue Einzelheiten am Wegrand.

Ich denke das ist es, worauf die Reihe der Ratschläge aus Schnelllesebüchern abzielt. Die Texte sollen überflogen werden, wodurch die Augenmuskulatur trainiert und man auf das Filtern von Signalwörtern abgerichtet wird.

Das Subvokalisieren bleibt aber auch dabei erhalten.

Ein Freund, ein natürlicher Schnellleser, antwortete mir auf die Frage, wie er denn lesen würde, dass er eigentlich nie subvokalisiere . Seine Beschreibung war folgende: Er schaut sich die Seite an (er liest sie also) und wartet ((!) [Anm.: Seine Zeichensetzung]), was die Worte für ein Verständnis ergeben. Er vertraue sich dabei selbst.

Er lässt sich wohl auf den Fahrer ein.

Meine eigenen Lesebeobachtungen haben mir den Eindruck unterschiedlicher Muskelanspannung zwischen Auge, Gehirn und Nacken hinterlassen.

Da sich solche Selbstbeobachtungen naturgemäß schwer erklären lassen und gleichermaßen schlecht übertragbar sind, soll darüber hinweg gesehen werden, falls das folgende abwegig klingt.

Auf das Experiment haben mich die zahlreichen Kommentare von Schnelllesern gebracht, in denen diese meinten, sie würden den Text aufsaugen oder sogar verschlingen. Das waren also Beschreibungen, die ich mit meiner Lesetechnik ganz und gar nicht nachvollziehen konnte. Ich machte mich also an den Versuch, eine Empfindung beim Lesen zu erzeugen, die dem Erwähnten entspricht. Das Ergebnis ist der genannte Unterschied in der Muskelspannung. Wenn ich es genau ausdrücken will, würde ich Muskelvektor sagen. Lese ich langsam und subvokalisiere, das jedoch mit vollem Textverständnis (die Geschwindigkeit beträgt in etwa 250 WpM), liegt die Spannung mehr auf den Augen. Sie ist vom Gehirn weg gerichtet, so als würde mein Bewusstsein versuchen, mittels der Augen, in den Text einzugreifen.

Gehe ich den Text mit höchster Geschwindigkeit durch, gänzlich ohne Souffleuse, bisher aber auch ohne jegliches Verständnis und versuche dabei, so viel aus dem Text zu schlucken wie mir möglich, kommt das Gefühl einem Trichter gleich, der sich von den Augen zum Genick verjüngt.

Im Moment habe ich den Eindruck, dass vieles unter meinem Gehirn vorbei fließen würde.

Soweit zu meiner körperlichen Lesewahrnehmung.

Ich tüftle gerade an einem weiteren Selbstversuch zur Wahrnehmung und werde meine Ergebnisse bei Gelegenheit an gleicher Stelle zur Diskussion stellen.

M.J.H.N.

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