Beitrag vom 18. Juni 2009Keine Kommentare
Ankunft in einem fremden Land

Ghana – die ersten Stunden. Ich steige aus dem Flugzeug auf das Rollfeld. Mit dem Bus geht es zum Flughafengebäude – ein einstöckiger Flachbau. Drinnen gibt es zwei Schalter. Der Beamte fragt mich dreimal etwas auf Englisch, was ich bis zum Ende nicht richtig verstehe. Meinen Impfpass schaut er sich nicht an – ich dachte, wenn man keine Gelbfieber-Impfung hat, wird man zwangsgeimpft und zwei Tage in Quarantäne gehalten? Das Gepäckband wirkt vorsintflutlich. Ansonsten gibt es hier anscheinend nicht viel – Toiletten, einen Schalter, an dem wir Geld wechseln können, vereinzelte lädiert aussehende Gepäckwagen, wenige Menschen in Uniformen, die relativ ungezielt umherschlendern. Alles sieht so aus als sei es vor fünfzig Jahren mal hier hingestellt und seitdem nicht mehr verändert worden. Als wir unseren Gepäckwagen auf die Glasschiebetüren zuschieben, die nach draußen führen, werden wir von zwei Beamten angehalten. Sie stehen am Ausgang und kontrollieren, ob wir für die Gepäckstücke auch die dazugehörigen Aufkleber der Fluggesellschaft haben. Dann umgibt uns wieder die schwüle Luft eines ghanaischen Nachmittags. Hinter Absperrgittern stehen unzählige Menschen, die alle winken, um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, laut unverständliche Dinge rufen – zwischendurch klingt es wie „Taxi, Taxi!“. Also Taxifahrer. Ich atme tief durch, blicke in die andere Richtung, versuche bestimmt weiter zu gehen und so zu wirken, als wüsste ich genau wo ich hin will. Wir lassen uns von einem Fahrer in weißem Hemd zu seinem klapprigen Auto führen. Mit „STC-Station?“ und einem fragenden Blick hoffen wir, unser Fahrtziel genau genug erklärt zu haben. Er schaut fragend seinen Kollegen an, irgendwas bereden sie, dann lädt er unser Gepäck ein. Wir steigen ein, ohne wirklich ganz sicher zu sein, dass er uns an den richtigen Ort fahren wird. Ich sitze auf dem Rücksitz, mein T-Shirt klebt jetzt schon am Körper, warum habe ich bloß immer noch eine Jeans an? Durch die Fenster weht warme feuchte Luft, es riecht anders als in Deutschland – ein bisschen nach feuchten fremdartigen Pflanzen, ein bisschen süßlich – ist das Obst? Es ist ein Mix, in dem ich bis auf den Abgasgeruch das meiste nicht wieder erkenne. Der Taxifahrer sagt „You’re lucky, it has been raining today, so it is quite cool“ – was, es ist nicht warm? Ich habe mich wohl verhört? Wie ist es denn hier, wenn es heiß ist? Wir fahren durch die Stadt. Auf der zweispurigen geteerten Straße laufen zwischen den Autos Frauen und Kinder herum, die Wasser, Eiskrem, Bonbons, Stofftaschentücher, Kleidung und unzählige andere Dinge verkaufen. Dazwischen Bettler, Rollstuhlfahrer und Kinder, die einen durchs Autofenster mit bettelnden Gesten und flehenden Augen bedrängen. „Do you need to change some money?“ – Nein, das haben wir am Flughafen schon gemacht. Aber nachdem mir gesagt wurde, die Taxifahrer wären sehr hilfsbereit, sage ich ihm, dass wir noch eine SIM-Karte brauchen. Er nickt nur. An der nächsten Kreuzung winkt er eine Frau heran und drei Sekunden später halten wir eine gelbe SIM-Karte in den Händen. Ob wir das Geld auch durchs Autofenster getauscht hätten? Es würde mich nicht mehr überraschen. Wir kommen wirklich an der Busstation an. Menschen warten auf Holzbänken. Wir kaufen kleine Papierschnipsel, auf die handschriftlich der Fahrpreis und der Zielort Kumasi geschrieben ist. Dann warten wir darauf, dass ein Bus kommt („In a minute“ war die Abfahrtszeit). Zwischendurch fahren Busse über das Gelände, alle sitzen ganz geduldig da und scheinen gar nicht beunruhigt, im Gegensatz zu mir – ich habe die ganze Zeit Angst, dass irgendwo unser Bus fahren könnte, ohne dass wir es mitkriegen, dass wir am falschen Ort warten. Ich habe das Gefühl als existierte eine untergründige Kommunikation, unsichtbare Signale, die allen hier die essentiellen Informationen vermitteln und die nur wir nicht verstehen. Am Ende kommt ein Bus und jemand nimmt unser Gepäck. Wir sollen einsteigen. Woher wissen alle, wo wir hin wollen? Sechs Stunden Fahrt. Am Anfang geht es kreuz und quer über Sandstraßen, Schotterpisten, zwischendurch mal ein Stück staubige aber geteerte Straße. Ich sehe Wellblechhütten am Straßenrand, das Bild vor den Busfenstern scheint sich eine Ewigkeit nicht zu ändern. Überall wird Essen verkauft, unter anderem sind große, in Plastikfolie eingewickelte Weißbrote allgegenwärtig. Ganz schön hygienisch. Aber ein paar Meter weiter fahren wir an einem Stand vorbei, auf dem sich die selben Brote stapeln, uneingepackt. Die Plastikfolie liegt noch daneben und die Frauen streichen alle Brote einmal mit den Händen ab, bevor sie sie anschließend einwickeln. Ob damit der Straßenstaub entfernt werden soll? Auch Kinder sind wieder überall, Kinder aller Altersgruppen, kleinere verkaufen Wasser in Plastiktüten, die leer überall am Straßenrand liegen, größere balancieren die Brote auf riesigen runden Tabletts auf dem Kopf. Immer wieder werden Dinge vor die Busfenster gehalten, gelbe Streifen, vielleicht irgendein getrocknetes Obst? Ab und zu macht einer der Passagiere ein Zeichen, dann bekommt er irgendwas in Fenster gereicht im Austausch gegen ein paar Münzen. Die Verhandlung über den Preis läuft anscheinend ab ohne für uns nachvollziehbar zu sein. Irgendwann kommen wir auf eine geteerte, gut ausgebaute Straße. Jetzt sind wir anscheinend am Rande der Stadt angekommen. Es wird ländlich, grün. Von der geteerten Hauptstraße gehen immer wieder kleinere Seitenstraßen ab, rote Sandpisten, die direkt in den Urwald zu führen scheinen. Mit der Zeit wird die Landschaft hügeliger, langsam windet sich die Straße immer höher. Auf dem Seitenstreifen immer wieder Fahrzeuge, zum Teil übel zugerichtet. In regelmäßigen Abständen Plakate, die für sicheren Fahrstil werben – „Drive home to a safe hug!“ Immer wieder fahren wir durch Ortschaften, größere mit gemauerten Häusern, kleinere mit Lehmhütten, die aussehen wie dem Bilderbuch über Ruanda entsprungen, das ich als Kind mal hatte – klein, rund, mit Palmblättern oder ähnlichem gedeckt. Zwischendurch hält der Bus, mal wieder ohne für mich erkennbares System, und Leute steigen ein oder aus. Eine Haltestelle ist nicht zu sehen, irgendwie müssen die Leute mit dem Busfahrer kommunizieren. Wir haben ihm auch gesagt, dass wir in Konongo aussteigen müssen, das ist irgendwo auf der Strecke, von dort müssen wir mit dem Taxi weiter. Er hat nur kurz genickt – hoffentlich reicht das. Irgendwann hält der Bus. Der Taxifahrer steht auf und sagt etwas, das so ähnlich klingt wie Konongo. Wir steigen aus, unser Gepäck wird vor uns auf den Sandboden gestellt und schon fährt der Bus los und lässt uns allein. Im Dunkeln stehen wir auf einer Dorfstraße, ein Stück weiter steht ein einsames Auto. Ist das vielleicht ein Taxi? Wir steigen ein. Der Fahrer muss die Strecke sehr gut kennen, denn es ist stockfinster. Wir sitzen unangeschnallt in einem klapprigen Auto und sind ganz froh, dass wir nicht so viel von dem Nichts sehen, in das wir zu fahren scheinen. Vor etwa vierzig Stunden bin ich in Berlin losgefahren. Überwältigt und erschöpft lehne ich mich zurück.

Kommentare
Einen Kommentar schreiben
XHTML: Du kannst diese Hervorhebungen verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>