Beitrag vom 22. Juni 2009Keine Kommentare
In einem Krankenhaus in Ghana

Das Krankenhaus. Ein großes Tor zu einer breiten Straße, die mal geteert war. Rechts und links davon einstöckige Gebäude, verbunden durch überdachte Säulengänge, gestrichen in beige und braun, abblätternde Farbe.
Unzählige Krankenschwestern laufen auf dem ganzen Gelände herum, jede in einem hübschen grünen Kostüm und Häubchen auf dem Kopf. Die Anzahl der Striche auf den Schultern der Kostüme verraten den Ausbildungsstand – erst gar keine Streifen, bei abgeschlossener Ausbildung drei.
Die Ärzte sind unglaublich gut gekleidet. Die Männer in Anzughosen, langärmligen Hemden, manche mit Krawatten. Die Frauen in Blusen, Röcken, Kleidern, dazu Pumps, immer perfekt frisiert und geschminkt.
Darüber tragen sie weiße Kittel. Manchmal sieht man Dinge wie „Bundeswehrkrankenhaus Hamburg“ oder auch „Kantine Eberswalde“ in den Kragen der Klinikbekleidung stehen.
In der Morgenvisite werden die in der Nacht neu aufgenommenen Patienten vorgestellt.
An meinem zweiten Tag wird über eine Geburt berichtet.
Als die Frau ins Krankenhaus kam, war die Geburt schon in vollem Gange und innerhalb von zwei Stunden war das Kind da. Der Arzt lächelt, alle nicken zustimmend, eine Geburt ist anscheinend ein für alle erfreuliches Ereignis. Aber habe ich das richtig verstanden? Am Anfang hat der Arzt doch etwas gesagt von einem eigentlich geplanten Kaiserschnitt wegen bekannter HIV-Infektion der Mutter. Geplante Kaiserschnitte sind Teil der Präventionsprogramme um das Risiko der Übertragung von Mutter zu Kind zu senken. Jemand fragt, ob das Kind nach der Geburt Prophylaxe erhalten hat. Der Arzt schüttelt den Kopf. Niemand reagiert in irgendeiner Weise geschockt.
Dabei wurde das Neugeborene wahrscheinlich mit HIV infiziert. Das hätte verhindert werden können – wenn schon nicht durch den Kaiserschnitt, für den es leider schon zu spät war, dann wenigstens durch die Gabe eines HIV-Medikamentes direkt nach der Geburt.

Zwei Tage später bin ich dabei, als bei einer Achtjährigen ein HIV-Schnelltest gemacht wird. Positiv. Die Mutter ist bereits tot, das Kind wird von der neuen Frau des Vaters begleitet. Auch dieses Mädchen ist wahrscheinlich seit ihrer frühesten Kindheit HIV-positiv, infiziert vielleicht schon in der Schwangerschaft, wahrscheinlich unter der Geburt, spätestens während der Stillperiode.
Wie ist das Virus wohl in diese Familie gekommen? Der Vater ist Fernfahrer. Früher lernten die Medizinstudenten noch, dass Fernfahrer eine Risikogruppe darstellen, besonders Langstreckenfahrer. Mittlerweile wird diese Betrachtung als diskriminierend empfunden. Schließlich gehen nicht alle Fernfahrer während ihrer Fahrten zu Prostituierten und infizieren anschließend ihre Frauen.
Wir teilen der neuen Mutter des Mädchens die Diagnose mit. Das Kind hat bereits erste Symptome, immer wiederkehrende Infektionen. Sie wird an die HIV-Beratungsabteilung verwiesen.
Ob die Mutter die Tragweite der Diagnose versteht? Ich wüsste gern, ob sie darüber nachdenkt, woher ein achtjähriges Mädchen HIV bekommt. Ob sie den Zusammenhang herstellt zwischen der verstorbenen Mutter und dem kranken Kind. Ob sie ahnt, dass wahrscheinlich auch ihr Mann positiv ist. Und ob sie weiß, was das für sie bedeuten kann.
Wenn irgendetwas davon in ihrem Kopf vorgeht, sieht man es ihr nicht an. Es gibt keine erkennbare Reaktion.

An einem meiner ersten Tage wird ein Mann mit einem Schlangenbiss eingeliefert. Nach drei Tagen geht es ihm wieder gut. Aber nach zehn Tagen liegt er immer noch auf der Station. Er ist nicht versichert und hat die Krankenhausrechnung noch nicht bezahlt. Bis seine Familie das Geld bringt, wird er nicht entlassen, so ist die gängige Praxis.

Warum er wohl keine Versicherung hat? Dass es eine Krankenversicherung gibt, ist relativ neu. Sie ist nicht besonders teuer, 2 Cedis im Vierteljahr. Und man kann sie auch dann noch abschließen, wenn man bereits im Krankenhaus ist.
Dann sichert der Papierbogen, zum Teil unterschrieben mit einem Daumenabdruck, einem die medizinische Grundversorgung. Zuzahlungsfrei bekommt man jede verfügbare Diagnostik und Therapie.
Essentiell ist die Versicherung in einem Bereich, in dem ich es nicht erwartet hätte – Sauerstoff bekommen außer in totalen Notfällen nur versicherte Patienten, denn Sauerstoff ist eine der teuersten Maßnahmen, die das Krankenhaus zu bieten hat (eine Stunde kostet 17 Cedis).
Wenn man sich schon die 2 Cedis für die Versicherung nicht leisten kann, was heißt dann eine Stunde Sauerstoff?

Francisca

Francisca hat einen Herzfehler. Wahrscheinlich hatte sie als Kind eine simple Mandelentzündung, die unbehandelt zu Herzfehlern führen kann – mit Antibiotika lässt sich das verhindern.
Jetzt aber liegt Francisca völlig ausgezehrt in ihrem Bett. So einen dünnen Menschen habe ich bisher nur auf Fotos gesehen.
Francisca ist zu schwach zum Sitzen, Stehen oder Laufen. Auf Ansprache reagiert sie meistens kaum. Aufgrund ihres Herzfehlers kommt es ständig zu Mangeldurchblutung ihrer Organe, auch des Gehirns. Auf Dauer führt das zu der mittlerweile klar erkennbaren Retardierung.
Die einzige Therapie wäre eine Klappenersatzoperation. Eigentlich kommt einmal jährlich eine amerikanische Organisation nach Kumasi und führt Herzoperationen an Kindern durch. In diesem Jahr können sie wegen der Finanzkrise nicht kommen.
So können wir Francisca nur Sauerstoff geben und jedes Herzmedikament, das im Krankenhaus verfügbar ist. Als sie sich nicht mehr unruhig hin- und herwälzt, sobald man den Sauerstoff abstellt, überlassen wir sie der Obhut ihrer Mutter. In der Krankenakte heißt das dann „palliativ behandeln“.

Palliativmedizin ist „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt.“

(Definition der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin)

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