Beitrag vom 5. November 2008Keine Kommentare
Der persönliche Graf

Es ist einige Zeit her, dass ich irgendwo in Osteuropa meinen Flug verpasste und dafür eine der verwirrendsten Nächte meines Lebens, zwischen Hafenutten, Roulettetischen und der Suche nach dem nächsten Casino, in dem ich noch nicht mein Gesicht verspielt hatte, erlebte. All das dank eines Antiquariats, das mich in seiner abenteuerlichen Unordnung, wie einen kleinen Bastian fesselte. Es war ein Buch, herausgegeben zu Beginn des letzten Jahrhunderts, vielleicht eine Zeit ähnlich offen und belebt wie die unsrige. Zum Unterschied womöglich nur: der euphorisierte Blick nach vorn, nicht so wie es unserer rückgewandten Stimmung, an vielen Stellen phantasielos das Geschichtsbuch wendend, unterläuft, ein Selbstzitat als Neuerung zu schmücken und dabei die Vergangenheit heraufzubeschwören, nicht den kommenden Morgen, die stetig neue Götterdämmerung.

Gut nun, ich will mich darüber wann anders auslassen. Es geht mir ja um die Grundidee des dünnen Bandes, Buch kann man es eigentlich gar nicht nennen. Auf wenigen Seiten eröffnet der Autor seine Erfahrung und eigenen Überlegungen zu persönlichen Graphen. Seine Idee ist die folgende, dass nämlich nicht nur Frauen, der Mond, das Jahr, ’ne Welle, der Brombeerbusch vorne an Omas alter Laubenpforte und dergleichen einen Zyklus, eine Periode haben, sondern wir alle. Na ja, klingt erstmal nicht so spektakulär, wirds aber, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass der gute Mann Deutscher war und folglich, seiner Zeit gemäß, nach einem Weg der Kontrolle und Manipulation suchte. Was er also tat, war sein Tagebuch nach verschiedenen Indikatoren zu untersuchen, die ihm Aufschluss über seine damaligen Selbstwahrnehmungen ermöglichen sollten. Er nennt dabei einige wesentliche Kategorien, wie die sexuelle Aktivität bzw. Lust, die intellektuellen bzw. geistigen Fähigkeiten, die körperliche Aktivität etc.. Der Selbstbetrachtung sind in Bezug auf die zu betrachtenden Bereiche natürlich keine Grenzen gesetzt. Das Ess- und Schlafverhalten sind z.B. für mich sehr interessante Bereiche. Die seelische Verfassung stellt auch einen weiteren äusserst interessanten Aspekt dar. Den eigenen Drogenkonsum in Verbindung mit den Anlässen aufzuschlüsseln mag sogar zu einer effektiveren Wirkung führen und hilft kostbaren Rohstoff zu sparen.

Im Folgenden fertigt der Autor Diagramme an, die ihm Aufschluss über den eigenen Monatsverlauf der gewählten Kategorien geben. Sobald er darauf sein Tagebuch erneut konsultiert kann er Faktoren ausmachen, die Abweichungen von der zu erwartenden Entwicklung begründen. Na ja, auch das ist wohl einsichtig. Das Ergebnis, zu dem er abschließend kommt ist aber recht lebenstauglich. Er stellt für sich fest, wie über eine bestimmte Zeit, die einzelnen Kategorien Hoch- und Tiefphasen durchlaufen. Seine praktische Folgerung mündet in einer Zeitplanung und Anpassung von Aufgaben und Launen, an den körperlichen Rythmus. Eine sehr interessante und hilfreiche Methode, wie ich nach dem Lesen meine. Für zwanghafte Charaktere sicherlich der Weg zu neuen Höhen, für chaotische Geister vielleicht nicht praktikabel, da es den Eindruck macht, bei solcher Planung die Spontanität einzuschränken und das hohe Maß an Disziplin, das die tägliche Fortführung verlangt, den Willen zur Auseinandersetzung mit einem Selbst voraussetzt. Aber gut, das scheint mir eine Grundbedingung der Fluktuation des Lebens zu sein.

Wie dem auch sei, soll doch jeder für sich entscheiden. Mir erscheint es äusserst attraktiv, schon im Voraus zu wissen, dass ich die nächste Woche womöglich eine Tiefphase durchleben werde und so die Einkäufe, die Wäsche etc., quasi alles was sich eh nur türmen wird schon erledigt zu haben. Ein paar Filme, Bücher, Säfte, Spaziergänge, depressiven Doomjazz neben dem Bett liegend, erträgt man sich dann vielleicht ohne den Vorwurf gegen den Schweinehund. Weiterhin kann man sich vielleicht auf die Hochphasen vorbereiten, indem man schon voll Vorfreude auf die rituelle und längst schon wieder überfällige Intim- und Arschrasur und anschließende Massage, ein neues Pfefferaphrodisiakum (ich empfehle Dick Brown, macht echt super Soßen der Junge) bereitstellt. Wenn man aber mal was schreiben will (oder so, arbeiten halt) und die ganze Nacht mit der Flasche Wein durchracken mag, dann doch am effektivsten wenns in die Regel passt.

So vielleicht dient das dem ein oder anderen als Ansatz. Ich mach das jetzt auch noch nicht so lange, kann aber etwas von anfang an feststellen. Körperliche Kraft und geistige Aktivität verhalten sich anscheinend entgegengesetzt zu der der Lenden. Ist spannend zu sehen, auch wenns eigentlich klar ist. Ich weiß schon was ich morgen mach, Baby.

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