Beitrag vom 3. Dezember 2009Keine Kommentare
gestern heute morgen

Gestern

Im Vorfeld der so genannten „Bürgerbewegungen“ im Wendeherbst des Jahres 1989 zog es Tausende Menschen auf die Straße. Die Forschung setzt sich noch heute mit diesem Phänomen auseinander. Wer waren diese Menschen? Waren sie auf der Suche nach Demokratisierung? Oder waren es überwiegend die Ausreisewilligen? Wenngleich die Beweggründe unterschiedlich waren, so traf man sich auf Demonstrationen. Setzte sich oft gemeinsam in Bewegung. Lotete vorsichtig die Situation aus. Würde die Staatsmacht eingreifen? Und wenn ja, in welchem Ausmaß?

Berechtigt waren diese Fragen mit Sicherheit. Letztlich griffen die Sicherheitsbehörden und die Panzer des Bruderstaates am 17. Juni 1953 ein. In Polen und in der ČSSR sind Streiks, Demonstrationen oder „Aufstände“ niedergeschlagen worden. Womöglich hatte Glasnost die Weltlage verändert. Aber konnte man sich da sicher sein?

Am 15. Januar 1990 besetzten Demonstranten die Berliner Stasi-Zentrale. So sollte die Vernichtung von Beweisen durch Mitarbeiter der Staatssicherheit verhindert werden. Und wenngleich einigen die bis in die Gegenwart hinein geführten Diskussionen um Täter und Opfer lästig erscheinen, so finde ich doch, dass es ein wichtiger und notwendiger Punkt ist. In Polen dagegen wurde mit einen dicken Strich die Geschichte der Überwachung und Repression für beendet erklärt.

Heute

Im Bildungsstreik solidarisieren sich Studenten und Schüler und formulieren gemeinsam Forderungen. Gut so. Demonstrationen, Aktionen und Besetzungen bewirken Öffentlichkeit und Nachdruck. Gut so. Aus eigener Erfahrung kann ich schon sagen, dass gerade in Folge des Bologna-Prozesses, der einheitliche Studienbedingungen und vergleichbare Studienabschlüsse etablieren soll, erhöhte sich der Druck auf Studenten ungemein. Viele müssen neben dem Studium arbeiten und die Bachelor- sowie Masterstudiengänge sind oftmals verschult und so umfangreich, dass die Studenten kaum noch in der Lage sind Luft zu holen. Darüber hinaus existiert noch eine Vielzahl an Problemen, die thematisiert werden müssen! Studiengebühren, Studienordnungen oder Studienbedingungen.

Einige mögen sich darüber aufregen, dass die Mehrheit der Studenten (und es ist mit Sicherheit die Mehrheit) die Forderungen ohne weiteres unterschreiben würden. Es jedoch bevorzugen nicht an den Protesten teilzunehmen. Natürlich wäre es für die Aktionen besser, wenn 90% aller Studenten in einen regelrechten Generalstreik treten. Lehrende sich solidarisieren. Und Impulse durch die Republik gehen. Klar! Aber andererseits darf eines nicht vergessen werden. Wenn jemand ein dreijähriges Bachelor-Studium beginnt. Ungeheuer viel studieren muss und dann noch arbeitet, der hat keinen Nerv dafür. Der will fertig werden. Auf den Arbeitsmarkt. Wer von uns kann schon ohne weiteres sagen: Hey, dann verlier ich eben ein Semester, weil ich womöglich durch den Streik in meinen Modul-Kursen nicht die geforderte Zahl an Sitzungen nachweisen kann.? Ist dies nicht auch verständlich?

Mehr als ein Audimax wurde bundesweit von der Polizei geräumt, weil die Universitätsleitung dies veranlasst hat. Kann man drüber diskutieren. Auch das gestern bei der Feier zum 600-jährigen Jubiläum der Leipziger Universität die protestierenden Studenten außen vor gelassen wurden. Kann man drüber diskutieren. Worüber aber nicht diskutiert werden darf, ist die Tatsache, dass einige wenige den Protest dazu nutzen um sich auszutoben. Heute wurde in Frankfurt am Main eine Aktion in der Goethe-Universität durch die Polizei beendet. Jemand war womöglich der Meinung, dass einmal mit der Sprühdose über Wände, Türen und ausgestellte Bilder und ähnliches zu gehen eine unglaublich bedeutende Form des Protests ist. Und dabei muss ich sagen, dass ich selbst schon viele Jahre Graffitti-affin war und noch heute dieser Form der Kunst (wobei zwischen Kunst und Vandalismus auch zu unterscheiden ist) etwas abgewinnen kann. Doch was soll das? Wo liegt da Sinnhaftigkeit?

Morgen

Lange Rede – kurzer Sinn: Ich frage mich, wann wir Menschen einmal gemeinsam unsere Möglichkeiten nutzen und den „Verantwortlichen“ zeigen, dass wir noch leben! Wo sind die Arbeitgeberverbände im Studentenstreik? Wo sind die Eltern, die ihre Kinder unterstützen? Wo sind alle Lehrer? Und wenn mich mein Vermieter ernst nehmen soll, spuck ich ihn dann einfach mal an?

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