Beitrag vom 30. Januar 2009 Kein Kommentar
Leseecke

Auf dieser Seite ist Raum und Platz für Prosa, Lyrik und vieles mehr. Jeder, der was beizutragen hat, kann seiner künstlerischen Ader freien Lauf lassen.

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Versuch und Irrtum

Er liegt regungslos auf seinem Bett und starrt in die Dunkelheit. Aus den Augenwinkeln kann er das wiederkehrende Blinken seines Mobiltelefons erkennen. Er weiß, wer ihn erreichen will. Aber er will nicht erreicht werden. Und besonders nicht von ihr. Versuch und Irrtum. Immer wieder. Seit Jahren strebt er auf ein Ziel zu. Oft wähnte er sich dem Erfolg bereits ganz nah. Doch dann war das Gute nicht mehr gut. Und die Nähe fortan beängstigend. Jeden Tag schnürte ihm ein unsichtbares Band ein wenig mehr die Luft ab.

Das flache und nahezu geräuschlose Atmen der Frauen beruhigte ihn. Dann konnte er sich fallen lassen. Lag die Nächte nicht wach und fühlte sich nicht mehr verloren. Jedes einzelne Mal war es die Richtige. Dachte er. Oder wollte es glauben.

Heute hatte er mit ihr geschlafen. Ihm wurde plötzlich regelrecht übel. Der Anblick ihrer Haut und ihre Erregung widerte ihn an. Sofort wusste er: Sie hat alles kaputt gemacht. Später zog er sich an und verließ wortlos ihre Wohnung. Er kehrte ihr den Rücken und wusste bereits, dass er nicht zurückkommen würde.

Auf dem Weg durch den Bezirk, seinen Bezirk, hatte er keinen Blick für die Orte, die er so gut kannte. Er würde nur daran denken müssen, wie beide durch diese Straßen gezogen sind. Dort wo Carl Großmann in den 20ern sein Unwesen trieb. Dort wo Bunkerberge, Folterkeller der SS und besetzte Häuser Teil der Geschichte sind. Wo Gentrifizierung beklagt wird und Autos brennen. Würde er die Umgebung wahrnehmen, dann würde er sich nur an ihre gemeinsamen Tage erinnern. Hier in den Straßen und auf den Plätzen ihrer beider Heimat. Und an ihre Augen. Aber er darf es nicht, denn sie trägt die Schuld.

Er merkt dabei auch nicht, dass er jedes Mal diesen Verlust beklagt. Sie immer die Schuld tragen. Sie ihm immer das Leben schwer machen. Womit hat er das verdient?

Zu Hause angekommen, wollte er sich ablenken. Ablenken kann er sich gut. Mit Musik, Filmen oder Frauen. Qualitativ gab es da kaum einen Unterschied. Er sah eine philosophische Fernsehsendung über Freundschaft. Sind unsere besten Freunde eher so wie wir? Ist Freundschaft demnach eine Form einer übertragenen Eigenliebe? Oder sind unsere Freunde unsere Freunde, weil wir uns stark unterscheiden? Wie viele Freunde braucht der Mensch oder wie viele Freunde kann er vertragen?

Da erschrickt er. Er sucht etwas zu finden, von dem er nur eine vage Ahnung hat. Versuch und Irrtum. Nun wird ihm klar, dass er seit Jahren immer wieder denselben Versuch unternahm und selbst für den Irrtum verantwortlich war. Er ahnt, dass er eigentlich nicht weiß, wer er ist oder wer er sein will.

In ihm mischt sich seine Wut mit seiner Scham. Unzählige Worte, die er nun zurücknehmen würde, wenn er es könnte. Er kann sich nicht entscheiden, ob er schreien oder weinen soll. Und wenngleich er noch nicht weiß, wie es weitergehen soll, so fühlt er sich gerade dennoch unendlich erleichtert.

Der Morgen dämmert bereits.

Er liegt regungslos auf seinem Bett und starrt in die Dunkelheit. Aus den Augenwinkeln kann er das wiederkehrende Blinken seines Mobiltelefons erkennen.

Und er nimmt ab.

(C.M.)

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Tae-Kwon-Do

Sie könnte es mit fast jedem Aufnehmen. Sie ist körperlich ungemein schnellkräftig. Sie kämpft weniger mit Kraft denn mit ihrem Kopf. Wenn sie in einem Kampf im richtigen Moment einen Kick zum Kopf ihrer Gegnerin ausführt, dann trifft  sie mit einer unglaublichen Präzision und Schnelligkeit ihr Ziel. Ist der Gegner nicht darauf vorbereitet oder kann die Aktion nicht abwehren, dann gehen mit ziemlicher Sicherheit für einige Augenblicke alle Lichter aus. Schnelligkeit, Beweglichkeit und Taktik zeichnen sie aus. Unzählige Kämpfe bestritt sie. Im Training fordert sie sich oft bis an ihre persönlichen Leistungsgrenzen. Dieser Sport, ihr Sport, macht sie glücklich. Sie taucht während dieser täglichen 2 Stunden in eine andere Welt ein. Kein Gedanke an den Job. Kein Platz für Probleme. Nur sie. Ihr Körper und ihr Geist. Wer diese junge Frau kennen lernt, ist sofort von ihr begeistert. Über alles kann man sich mit ihr unterhalten. Ihre Schönheit wirkt auf den ersten Blick beängstigend. Doch mit ihrer offenen und fröhlichen Art nimmt sie jedem die Furcht. Unweigerlich geraten die männlichen Gesprächspartner ins Schwärmen. Wie sie über ihren Sport redet. Wie tough und straight, aber trotzdem freundlich und umgänglich sie ihr Leben im Job und in der Freizeit lebt. Nach einigen Wochen und Nächten mit Wein, Gesprächen und klaren Sternenhimmeln ist entweder vergeben oder total krank wer sich nicht in diese bezaubernde Dame verliebt. Sie hat unzählige Freunde und Freundinnen. Doch von Liebe und Beziehung wird nie etwas erzählt. Bei Nachfragen verweist sie auf die geringe Freizeit und darauf, dass sie erst einmal in ihrem Sport und ihrem Beruf vorankommen möchte. Sich eine gute Basis schaffen. Nun gut, hat schließlich jede Person das Recht alles so zu machen wie sie es gern hätte. Man ist froh, dass diese Frau zum Freundeskreis gehört. Aufmerksam. Hilfsbereit. Umgänglich.

Niemand vermutet, dass sie keinen Freund oder Lebensgefährten hat, weil sie es einfach nicht kann. Sie würde so gern jemanden lieben können. Mit voller Hingabe und absolutem Vertrauen. Doch sie kann es nicht. Nähe tut ihr weh. Sie bereitet ihr schon beim geringsten Auftreten unsagbare Schmerzen. Es zerreisst sie und zieht sie in einen Abgrund hinab. Nächte ohne Schlaf. Nächte in denen sie zuerst ihre salzigen Tränen auf ihren Lippen schmeckt bis sie keine Tränen mehr hat. Je mehr sie sich dagegen sträubt, desto deutlicher und klarer sind die Bilder, die sie sieht. Desto schärfer dringen ihr die Gerüche von damals in die Nase. Und dann diese Stimme. Das Flüstern hallt immer und immer wieder durch ihren Kopf. Große Kopfhörer und ohrenbetäubend laute Musik helfen die Sätze zu verdrängen. Aber nicht sie für immer zu verbannen. Scham vor sich selbst und ihrem Körper. Ekel und Hass vor dieser Silhouette. Würde das jemand erahnen, so wäre alles anders. Aus dem bewusst ins Leben strebende Mädchen würde eine getriebene junge Frau. Auf der Flucht. Im Leben, im Sport, im Beruf versteckt sie sich. In einer tosenden Menschenmenge ist sie stets allein. Oft nur ein ganz klein wenig. Manchmal gänzlich.

Aber sie kämpft oft mit sich. Will das nicht länger hinnehmen. Mit dem Sport hat sie angefangen. Sie kann nicht sagen ob es eine bewusste oder unbewusste Entscheidung war. Jedenfalls wollte sie nicht mehr klein sein. Nicht mehr schwach. Nicht wehrlos. Und so wurde sie stark. Körperlich zumindest. Das gibt ihr Ruhe. Jetzt soll alles besser werden. Es war in der letzten Nacht. Sie starrte in die tänzelnde Flamme der Kerze. Und von einem Moment auf den nächsten wichen ihre Schuldgefühle einer gewaltigen Wut. Ihr Herz raste. Ihre Pupillen erweiterten sich. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper. Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen.  Ihr Atem beschleunigte sich unweigerlich und in Gedanken sprach sie zu sich, immer und immer wieder: „Nein, ich bin nicht schuld. Ich war nie schuldig. Ich war ein Kind. Ich habe diesen Mann nicht immer und immer wieder verführt. Mich trifft keine Schuld. Er hat mich verletzt. Er hat mich benutzt. Missbraucht. Immer und immer wieder. Über Jahre. Aber jetzt ist Schluss. Er darf mir mein Leben nicht länger kaputt machen!“

Es wurde ihr persönliches Mantra. Ihr Quelle wenn sie in schwierigen Momenten Kraft braucht. Seit dieser Nacht sind zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre mit vielen Tiefen aber auch zwei Jahre mit Durchbrüchen. Sie hat sich einer Therapeutin anvertraut und ist mittlerweile auf einem guten Weg leben zu können. Endlich leben. Vielleicht nicht so, als wäre nie etwas vorgefallen. Aber mit der Möglichkeit doch noch tiefes Glück empfinden zu können. Letzte Woche beschloss sie, mit ihrer Anwältin, Strafanzeige zu stellen. Sie fühlt sich bereit.

Auf dem Weg nach hause schlenderte sie durch den Park und lächelte…

(C.M.)

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Heute ging ich mit einer Begleiterin durch die Straßen der Innenstadt. Das Wetter lud nicht unbedingt zum Schlendern ein. Aber es gibt Momente, die sind dazu geboren. Sei es durch den Park, durch den Wald oder über die Pfade des Großstadt-Dschungels. Wind und Wetter sind nebensächlich. Jedenfalls stand ich gerade vor einem Schaufenster, welches reichlich mit Auslagen dekoriert war. Ich bestaunte Preise und Kreationen. Dann richtete sich meine Aufmerksamkeit auf zwei Menschen, die neben mir am gleichen Schaufenster standen. Eine junge Mutter hockte neben ihrem kleinen Sohn, der mit einem seiner kleinen Patschefinger auf das Glas tippte. Und die Mutter erklärte ihm, während ein Arm von ihr um seine Hüfte gelegt war, die einzelnen Waren. Wozu man dieses Gerät benutzen kann. Was jenes Produkt kostet. Und immer wenn ihr Sohn mit seinem Fingerabdruck auf einer anderen Stelle des Fensters und einem „Mama, was das?” ein neues Produkt ins Auge fasste, wiederholte die Mutter mit einem ihrer Finger die Geste am Schaufenster und fragte: „Das?”. Dieses Szenario war an sich schon schön. Was aber den bleibenden Eindruck bildete, waren ihre Blicke. Während die Mutter ihrem Sprössling also den Nutzen eines Nudelsiebs erläuterte, trafen sich die Blicke der beiden immer wieder. Der kleine Mann lauschte den Ausführungen still und hochgradig interessiert. Und schauten sich beide direkt in die Augen, so schien dort eine Reinheit vorhanden zu sein, die seinesgleichen sucht. Bei Dingen gibt es unzähliges, das, zumindest für mich, Reinheit besitzt. Ein Kantholz, welches mit der Axt zu Feuerholz gespalten wurde, ist rein. Wenn man den Löffel in die Kaffeetasse tunkt und beim Verrühren des Zuckers vom Boden, das Knirschen über den Löffelstiel durch die Finger kriecht, und allein vom Zuhören und –fühlen Zuckerkristalle zwischen den Zähnen vermutet. Nur kurz, wie der kostbare Augenblick in Gegenwart der Mutter mit ihrem Kind. Oder lang, wenn man vielleicht Tag für Tag mit dem Partner, dem Kind, den Freunden, der Familie oder mit sich selbst in so etwas Ähnlichem drin steckt. Brauchen wir nicht alle solche Momente des Glücks? Ich schon. Und ich hab heut einen davon gehabt.
(C.M.)

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Und dann gibt es Tage…

Und dann gibt es Tage, an denen unten als oben erscheint. Wenn man die nächste Kreuzung einfach links abbiegt, obwohl das Ziel in der entgegengesetzten Richtung liegt. Weder fühlt man sich unglücklich, noch herrscht Überschwang im Herzen. An diesen Tagen liest man in vielen Augen. Antworten? Doch Antworten worauf? Dann lächelt, wenn man sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmt. Wenn wahre Worte als Lügen enttarnt werden. Man zugleich aber durch eine Melodie im Geist beflügelt ist. Barfuss durch die Pfützen springt. Um im nächsten Augenblick den Tag zu verfluchen. An diesen Tagen steigt man abwärts um nach oben zu gelangen. Wolken rasen am Himmel über die Stadt. An diesen Tagen schaut man zurück, damit es vorwärts gehen kann. Es sind Tage zum Fragen stellen, ohne gleich Antworten zu verlangen.

Und dann gibt es Tage, an denen das Herz ausnahmslos lacht. Wenn man auf dem Bürgersteig Purzelbäume schlägt. Eine gute Tat vollbringt, ohne sich derer zu rühmen. Alle Menschen werden geliebt. Trotz ihrer vermeintlichen Fehler. Denn diese Tage sind nicht zum Streit geboren. Die Euphorie tanzt mit einem über die Dächer der Stadt. An diesen Tagen schenkt man einem traurigen Kind das strahlendste Lächeln, damit man anschließend gemeinsam schaukelnd den Himmel küssen kann. Wenn man sich mit weit ausgebreiteten Armen und geöffnetem Mund in den eisigen Wind stellt, bis die Finger blau anlaufen und die Augen tränen. Tage, an denen das Glück und die Freude ansteckend sind. Die Gedanken sprühen in den schillernsten Farben. Wenn man sich ein Eis kauft und lachend durch die Straßen schlendert. An diesen Tagen gibt es nur die eigenen leuchtenden Augen. Es sind Tage zum Tanzen.

Und dann gibt es Tage, an denen man nicht stark sein möchte. Nicht tapfer. Den Kopf nicht gehoben hält. Der Gang nicht aufrecht. An diesen Tagen ist man lieber klein. Schwach. Momente, in denen man geöffnete Arme sucht. Das tröstende Wort. Um sich fallen zu lassen. Aufgefangen werden will. Die gesamte Last des Lebens spüren mag. Wenn man die Augen schließt, um seine Zehen zu fühlen. Die Finger. Es sind Tage, an denen man friert. Keinen Hunger verspürt. Die Gedanken ruhen. Man ohne Regung auf dem Mittelstreifen steht und starr stadteinwärts schaut, während der Verkehr an einem vorbeirauscht. Dann wenn es kein morgen zu geben scheint. Tage des Zweifels. Flucht vor dem Müssen und Flucht vor dem Sein. Tage, an denen man sich die Bettdecke über den Kopf zieht um allein zu sein. Es sind Tage für geschlossene Augen.

Und dann gibt es Tage, die man am nächsten Morgen bereits wieder vergessen hat. Tage, die keinen Eingang in die Erinnerung finden. Tage, an denen man vielleicht lacht. Oder weint. Vielleicht Freunde getroffen werden. Am heimischen Herd den Liebsten und sich das Abendessen zubereitet wird. Es sind Tage, die heute noch als morgen auf dem Kalenderblatt geheimnisvoll zu erahnen sind. Um übermorgen bereits unkommentiert ausgekreuzt zu sein. Es sind Tage ohne Extrem. Wenn der Geist und der Körper ihren Dienst verrichten. Keine Fragen existieren. Oder existieren dürfen. Tage, an denen kein Eindruck neu ist. Worte und Menschen in gewohnter Kontinuität. Wenn man morgens beim Kaffee schon erahnt, dass man abends unbeeindruckt das Licht im Zimmer löschen wird. Es sind einfach Tage.

Und dann gibt es Tage, an denen nur Musik helfen kann. Wenn man das Radio laut aufdrehen muss, um das eigene Schluchzen zu übertönen. Tage, an denen man das Gesicht im Kissen vergräbt, damit die Welt die Tränen nicht sieht. Das Herz zersprungen. Oft Liebe als Ursache. Von Zeit zu Zeit das Leben der Grund. Es sind Tage, an denen man erkennt was einem Menschen bedeuten können. Wenn man hinter einem Freund für kurz, lang oder immer die Tür schließt. Der Magen verkrampft. Kein klarer Gedanke. An diesen Tagen möchte man schreien. Schrill  oder stumm. Wenn sich die Fingernägel tief in das eigene Fleisch bohren. Tod der Liebe. Dies sind Tage, an denen man allein in einer Ecke kauert. Kein Wort soll gesprochen werden. Niemand wäre einem nahe, selbst wenn dieser neben einem stände. Wenn der Boden sich auftut und einen hinabreisst. Ein Schlund mit einem Versprechen auf den Lippen. Schmerz. Es sind Tage ohne Licht und Zeit. Wenn man scheinbar erkennt, wie diese Tage einen nicht nur hoffnungslos machen, sonder ohne Chance auf Genesung in die Isolation sperren. Das Gemüt vernebelt. Es sind Tage für Trauer und Schmerz.

Und dann gibt es Tage, an denen mit einem wütenden Ausruf die Tauben von den Dächern aufgeschreckt werden. Wenn die Fingerknochen vom Schlag gegen die Wand schmerzen. Tage, die Wut auf sich selbst, auf einen Freund oder einen Fremden hervorbringen. Wenn das getroffene Herz den Körper in Rage versetzt. Dann wird die Zunge gezügelt. Oder von der Leine gelassen. Der Lauf bis ans andere Ende der Stadt. Tage, an denen die Explosion kurz bevorsteht oder einem nichts anderes übrig bleibt, als die Trümmer im Krater zu betrachten. Wenn man sich gegen Ungerechtigkeiten auflehnt. Voller Energie selbst den Kampf gegen Windmühlen aufnimmt. Kochendes Blut. Es sind Tage für Taten oder Katastrophen.

Und dann gibt es Tage, an denen man Liebe zurückgibt. Liebe, die einen sonst aufbaut, stark macht, beschützt oder begleitet. Wenn man zum Trost jemanden in die Arme schließt. Dessen Tränen trocknet. Tage, an denen man uneingeschränkte Unterstützung gibt. Einen geliebten Menschen ohne Kompromisse verteidigt. Zuflucht gewährt. Ganz gleich was kommt. Es sind Tage, an denen man für jemanden anders lebt, denkt oder gar handelt. Im Großen wie im Kleinen. Die Hände werden einem Gefallenen gereicht. Wenn man sich zu jemandem in dessen dunkle Ecke setzt und ein Teelicht anzündet. Tage, an denen ein Kuss auf die Stirn mehr geben kann als tausend Worte es vermögen. Mit einem leuchtenden Schwert werden Dämonen bekämpft, die nicht die eigenen sind. Wenn man gemeinsam weint um das morgen zu garantieren. Es sind Tage zum da-sein.

Und dann gibt es Tage, an denen die Welt still steht. Ohne Zeit und Raum. Die Sonne geht auf. Und die Sonne geht unter. Und alle Tage haben eines gemein. Sie sind schön. Denn an diesen Tagen hat man ein wärmendes Gefühl im Bauch. Es fängt traurige und ärgerliche Geschehnisse auf. Denn es ist die Liebe. Nichts wirft einen aus der Bahn. Denn an diesen Tagen ist man sich gewiss, man wird bedingungslos geliebt. Nichts macht diese Tage zu vergeudeten Tagen, denn man liebt bedingungslos. Alles Unheil der Welt verliert an Grausamkeit. Wenn man liebt. Alle Unruhe schwindet, wenn man jemandem in dessen Seele schauen kann. Ein Kuss und die Gedanken sind frei. Tage, an denen der Blick viel Schönheit einfängt. Das Knistern der Luft. Eine Berührung mit den Fingern am Hals. Gänsehaut. Wohlig warme Sommertage im tristen Herbst. Wenn Geborgenheit einen einhüllt, und man dank des Mantels der Liebe den Stürmen trotzt und höhnisch lachend jede Welle reiten kann. Es sind die Tage zum Genießen und Fliegen.

Und dann gibt es Tage, an denen man unheimlich stark ist. Wenn man, um man selbst zu bleiben, sich selbst am Kragen packt. Antworten einfordert. Antworten gibt. Tage, an denen man sein Selbst klar im Spiegel sieht und es nicht mehr ziehen lässt. Wenn man sich mit aller Macht einfängt und eine Pistole auf die Brust setzt. Tage, an denen Fluchten enden. Mit glücklichem Ausgang oder in einer Tragödie münden. Man vor einer hohen Mauer steht und erkennt, dass kein Ausweg existiert. Wenn Richtungen bestimmt, Entscheidungen gefällt oder Gedanken sortiert werden. Es sind Tage, an denen Konturen ein Bild ergeben. Man sich selbst erkennt. Es sind Tage um Fehler einzugestehen. Wenn die Vögel still in den Baumkronen verharren. Die Sonne bedrohlich auf der Haut brennt. Tage, an denen die Furcht vor sich, den Anderen und den Gefahren der Möglichkeiten der Entschlossenheit weicht. Es sind Tage für den Aufbruch in ein neues Leben.

Und dann gibt es Tage, an denen man rasend versucht sich selbst zu vergessen. Oder die Zeit zu schlagen. Wenn man müde ist, da der kostbare Schlaf verachtet wird. Tage zu Ansammlungen von unzähligen Gedanken, Menschen und Orten werden. Das zwanghafte Streben nach Erlebnis. Die Furcht vor dem verpassten Augenblick. Teilweise Flucht vor sich selbst. Teilweise Drang nach vollem Leben. Die Augen für das Schöne und das Hässliche weit geöffnet. Die Ohren fangen liebliche oder grauenhafte Melodien ein. Wenn man mit dem Kescher durch die Straßen zieht. Momente für das Buch des Lebens einfangen will. Tage, an denen die eigene Energie rasant aufgebraucht wird. Wenn ab einem gewissen Zeitpunkt selbst der stärkste Kaffee nicht mehr in der Lage ist, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Wenn die Gedanken nunmehr ohne Schärfe sind. Tage, an denen doch irgendwann die Müdigkeit einen übermannt. Wenn man aber selbst dann noch den nächsten Zug besteigt. Es sind Tage für rasende Fahrten und Tage für Flucht.

Und dann gibt es Tage…
(C.M.)

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FREUNDE VON ZUFALL

„Peter Petersen Feuershow” stand auf seinem Pullover, „Ja, wir sind Künstler, richtig. Ick mach Feuershow!“. Zur WM Eröffnungsfeier sollte er am Brandenburger Tor auftreten und seine Freundin wollte er als Sekretärin getarnt mitnehmen. „Euch kann ick dit alles erzählen, ihr seid Fremde. Ich seh euch nie wieder, verstehst du?” Der Zug bremst etwas stärker ab „Sach, fahren wir jetzt in die andere Richtung?“ „Nee, wir fahren seitwärts…“ witzelt der massige Weintrinker und holt einen 1997 Wein heraus. „Kannst du als Künstler diese Flasche öffnen?“ fragt er mit einem lieb gemeinten, leicht spöttischen Unterton. „Nee, der Zug hat gebremst.“, meldet sich der junge Jojospieler vom Sitz gegenüber zu Wort. „Ey, den hab ich am Bahnhof aufgegabelt, wie der da so stand und gespielt hat, Wahnsinn, ey wie ick sachte, meld dir mal! Ick brauch immer gute Leute für meine Show und du bist gut und wenn dein Freund sogar noch besser ist, meld dir mal, ehrlich, och wenn wa nur n Bier zusammen trinken. Ey der ist echt jut!”, sagt er zu dem Weintrinker und gibt ihm die geöffnete Flasche, „deswegen hab ick dich och angesprochen.“ Peter ist in seinem Element. „Nee ick mach dit nur für mich. So an Bushaltestellen, einfach überall wo ich grad bin. Ick bin Informatiker. Ick muss immer wat mit den Fingern zu tun haben.“ Der Jojospieler steht auf und fängt an mit dem Jojo rumzuwirbeln und Figuren zu zaubern. „Dafür kannst du ja Geld verlangen!“, meint der Weintrinker mit schielendem Auge anerkennend „spielst du auch in der Fußgängerzone?“ „Klar, wenn ick da durch laufe oder an der Bushaltestelle warte.“
Der Weintrinker will Peter Wein einschenken. „Nee lass ma dein teuren Wein für dich und deine Alte hier, ick trink ja nich eigentlich“
„Du glaubst doch nicht, dass ich nur eine Flasche mit habe!“ sagt der Weintrinker lachend. Und gießt allen Wein ein.
“1997, iss n guter Wein!” sagt Peter anerkennend. „Ick trink manchmal Wein zum Essen.”

Pause

Peter bricht das Schweigen. Er kommt ursprünglich aus Berlin, wohnt aber derzeit in Gelsenkirchen bei seiner Freundin. Sein Auto steht irgendwo im Harz, bei einem Freund: „Ey meine Alte is ausgetickt, aber mir ist dat doch egal, soll er doch damit rumfahren, besser als wenn ich besoffen fahre. Ich trink ja eigentlich nichts, aber gestern hab ich ne Jack Daniels geleert.“ „Dafür siehst du aber noch ganz frisch aus.“, meint der Weintrinker. „Sag mal, willst du einen bauen?“ fragt Peter den Jojospieler. “Klar, is ja n Raucherabteil hier.” antwortete er und macht sich ans Werk.
„Na ja, jedenfalls stand auf einmal da so Eener vor mir, ick wusste ja noch nich, dat dis een Zivilbulle ist. Irgendwann warens dann och vier und ick dachte mir, bevor die mir uffe Schnauze haun, fang ick an. Aber dit warn Zivilbullen, wusst ick ja nich, aber hab ick schnell mitbekommen. Da hamse mich mit 8 uffn Rücke abgeführt. Dit war an meinem Geburtstag am Schlesischen Tor, und den, den se eigentlich haben wollten, der stand Schlesische Straße. Ick soll Sieg Heil gebrüllt haben. Ick hab nüscht mit Nazis am Hut. Ick bin gegen Rassismus und Rechte. 400 Euro Gerichtsstrafe. Ihr seid doch bescheuert!“ „150Euro Strafe, hat der Richter jesacht.” „Jetzt guck doch mal auf das Datum!“ „Ja, 2. Oktober.“, erwiderte der Richter. „Ja, das ist mein Geburtstag ihr Idioten!”
“150 € Strafe, wegen Missachtung des Gerichts. Herr Petersen, sie sollten Ihre Wortwahl überprüfen, sonst endet es böse für Sie.”
“Jetzt hör doch ma zu!’ ick hab mich echt uffjerecht., normaler Weise wird man erschossen, wenn man im Kreuzberg vor einer türkischen Dönerbude „Sieg Heil“ ruft!“ „Ja, dit glob ick.“, sagte der Richter, „die Strafe können wa fallen lassen, aber wat ist mit der zerbrochenen Fensterscheibe?“ „Ja dit war ick, zahl ich auch!“ gab Peter zu. So kam er in seine Stammkneipe zurück. „Ey, Peter, wo warst du denn, hast du mal auf die Uhr geschaut?”. „Ey, mich ham die Bullen verhaftet!“ Frank grinste etwas beschämt, offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Peter so schnell wieder frei gelassen wurde. „Ey Frank du Penner!, hab ick gesacht und ihm eine ins Gesicht gedrückt und durch die Scheibe vom Dönerladen geschmissen.“ Dem aufmerksamen Leser wird spätestens hier auffallen, dass Peter seine Vorladungen zum Gericht zeitlich nicht trennt.
„Ick sach zu ihm, wenn du meine Frau ficken willst, du Arsch, dann regeln wir das anders, dann könnt ihr ficken und ich pack meine Sachen, verdammt noch mal.“ Beide bekamen sie noch eins zwischen die Augen, worauf er wieder vor dem Richter steht.
„Herr Petersen, sie sollten ein bisschen mehr auf sich aufpassen, mit 2,7 Promille intus könnte ich nicht mehr stehen.“ Sagte der Richter
„Euch kann ick dit erzählen, ick kenn dich nicht“ sagt Peter zu uns und fährt fort: „jenau hier hab ick sie jetroffen, alle beide.“ Peter zeigt sich zwischen die Augen. Der Deutschlehrer bekommt Angst und rutscht nervös auf seinem Sitz herum. Er ist neu im Abteil und ein sehr totalitärer Mensch: „Man kriegt fast nie, nie, fast NIE den Anschlusszug.“ Er wollte zu seiner Freundin und „der Zug hat immer, IMMER, wirklich immer Verspätung.“ Wir glauben es ihm. „Aber da gibt’s einige Tricks.“ Er kannte sie offenbar, wollte aber trotzdem keinen Joint bauen, sondern sich doch lieber seinem Schulbuch widmen. Weintrinker und Jojospieler waren mittlerweile ausgestiegen und nun saßen uns der Lehrer und ein Kosovoalbaner gegenüber.„Ja, mach ma deine Hausaufgaben“ meint Peter gelangweilt und macht sich ein neues Bier auf.
„Ick hab och so pädagogische Arbeit mit Kosovo Kidz in G-kirchen.“ Der Kosovoalbaner vom Tisch nebenan horcht auf. „aber dit is eher so freundschaftsmäßig. Lehrer is was anderes.“ Der lehrer bestätigt interessiert und Peter ist wieder in seinem Element: „Einmal sind wir auf Klassenfahrt in Berlin gewesen und ick hab immer zu den Kidz gesacht, Mädels, wir müssen irgendwas mit Kultur machen, wat ick dann hier in mein Buch einschreiben muss. Also ham wa zusammen was kulturelles ausgesucht mit den Kidz, zum Dom oder so und dann als Belohnung sind wa in die Kneipe gegangen. Die Mädels bekamen Kaffee oder Cola oder wat und und die Jungs Bier. Danach hab ich ihnen die Pässe abgenommen, da konnten sie mit BVG fahren drauf und so und jesacht, so, ihr wolltet Freizeit haben, wir sehen uns 18 Uhr am Hotel, Tschüss ick geh, und bin gegangen. Da sind sie mir hinter her gerannt. ,aber Peter nein warte, dit kannste doch nich machen, hamse jesacht. Doch konnt ich, ick hab mich umgedreht und bin gegangen. Hab ick echt jemacht.“ Peter schaut nachdenklich aus dem Fenster. „und alle waren sie 18 Uhr wieder am Hotel. Dit is och wichtig, dass man inna fremden Stadt ohne alles zurecht kommt, halt nach den Weg fragen usw.“ Er schaut den Lehrer fragend an. Der sagt “Ja.” und nickt verstehend. Er sagte sowieso viel und oft ja. „Dann ham se mir die Fahrkarten hingehalten, weil uff die Pässe damit konnten sie och BVG fahren und so, wollten sie die Kohle wieder haben, da hab ick gelacht, nee dit könnt ihr mal schön selbst bezahlen, euren Scheiß. Und dann sind wir zu MC Donald gegangen und ich hab sie eingeladen.“

Pause.

„Warst du schon mal im Kosovo?“ fragt der Kosovoalbaner Peter und zündet sich eine Zigarette an„Nee, aber du wa?“ antwortet Peter und lacht laut.Der Lehrer ist interessiert und fragt, ob es jetzt immer noch so zerstört im Kosovo aussehe. Es gibt noch schlimme Gegenden, es war auch eine schlimme Zeit.„Du, wir können dit nich verstehen.“, mischt sich Peter wieder ein, „wenn dein Onkel dir erzählt, was er in seiner SS Zeit gemacht hat, dat nimmst du doch nich für voll und wat man immer im Fernsehen sieht, dit is so krass, aber dit nimmt dich och mit oder?“ fragt er den Lehrer „Ja.“, antwortet er. Peter gibt sich nicht zufrieden: „Du bist doch n Mensch, dit nimmt dich och mit, kannste mir nicht erzählen. Dit lässt dich nich kalt.“, hakt er nach und an den Kosovoalbaner gewandt „Die Kids haben mir viel erzählt. Du ick mach Feuershow und da wollte ich mal bisschen Stimmung in die Gruppe bringen und hab vor den Kidz Feuershow gemacht. Du, die haben angefangen zu weinen und sind weg gerannt. Die ham den Krieg gesehen in dem Feuer und sind weggerannt. Ick wusste gar nicht wat los war. Die hatten sone Angst, ich habs in ihren Augen gesehen und da hab ich Angst gekriegt. Dit kann man sich nich vorstellen. Die ham sone Angst gehabt. Ick wollte nur bisschen Spaß machen…“

(A.V.)

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Es war alles so, wie sie es sich vorgestellt hatte. So hatte sie es in ihren Träumen gesehen. So sehnlich herbei gewünscht. Lange hatte Elisabeth mit sich gerungen. Und letzten Endes musste sie sich eingestehen, dass sie es nicht verdrängen konnte. In diesem Augenblick ist aber alles nebensächlich. Ihre unzähligen Gedanken und ihre Qualen haben ihre Entscheidung in die scheinbar richtige Richtung gelenkt. Sie ist glücklich. Und seit langer Zeit fühlt sie sich wieder frei.

Elisabeth und Mark sind schon seit Ewigkeiten ein Paar. Ihre achtjährige Beziehung scheint für alle im Umfeld gefestigt und unantastbar zu sein. Nur wenige ahnten die kleinen Risse. Noch weniger waren in die Gedanken und Ängste der beiden eingeweiht, so fern beide denn überhaupt ihr Zusammensein je in Frage gestellt hatten. Elisabeth war nicht mehr so glücklich. Woran es liegen könnte, vermochte sie vor einigen Wochen noch gar nicht zu sagen oder zu erraten. Schlich sich die Gewohnheit ein? Haben sie sich unmerklich voneinander entfernt. Auseinander gelebt? Anfänglich bestand nur diese Schwere. Eine Stimmung, die nicht zu greifen war. Plötzlich vorhanden. Mark nervte sie nur noch. Mit seiner Art. Mit seinen Handlungen. Letztlich bereitete auch seine pure Anwesenheit Elisabeth Kopfschmerzen. Ihm entging alles. Zu einem gewissen Teil mag es an seiner fehlenden Sensibilität liegen. Andererseits vermochte sie es vortrefflich zu verbergen. Der Tag war dann halt immer stressig gewesen. Die Arbeit. Oder die Uni. Oder oder oder. Die Liste von Antworten auf die Frage: “Was ist denn los?” ist endlos. Wenn man ein wenig aufpasst, nicht allzu häufig nur immer zu sagen, dass nichts los sei, man nur “einen schlechten Tag hatte”, dann kann dieses Spiel einige Monate gehen.

Die Zweifel wuchsen. Warum ist denn der Mann ihres Lebens ihr nun zuwider? Warum sehnt sie sich nach Küssen und Geborgenheit? Warum sieht sie sich in innigen Umarmungen? Und warum sah sie auf diesen geistigen Bildern immer häufiger andere Männer? Sie versuchte sich einige Zeit einzureden, dass dies dazu gehöre. Es ist normal. In einer so langen und vertrauten Beziehung umso mehr verständlich. Auch die fehlende Intimität mit Mark sei normal. Eben nur eine Phase. Er gehöre doch zu ihr. Keine Frage. Und für Mark? Seiner Einschätzung nach war alles in Ordnung. Die Liebe seines Lebens, seine Elisabeth, stehe nur unter Stress. Er machte alles nur Erdenkliche um ihr Lasten abzunehmen. Keinen blassen Schimmer, dass seine Fürsorge sie nur weiter von ihm weg trieb.

Elisabeth erkannte irgendwann, dass es so nicht weitergehen kann. Ihre Alternativen bestanden darin, entweder die Beziehung zu beenden und ihren Gedanken nachzukommen. Dem Drang nach den zärtlichen Händen und Lippen anderer Männer nachzugeben. Oder alles daran zu setzen, diese Gedanken unauslöschlich aus Ihrem Leben zu drängen. Ihr sagte nie eine ihrer Freundinnen, dass das Verdrängen nicht funktioniert. Niemand eröffnete ihr die potentielle Möglichkeit mit ihrem Partner zu reden. Selbst ihr kam nie die Idee, dass man ab einem gewissen Punkt nicht mehr zur Normalität zurückkehren kann. Auch wenn sie sagt, sie liebe Mark und ist guter Dinge, alles käme wieder in die richtigen Bahnen. Doch für sie wurde alles schick.

Er war so zärtlich. Sie hätte nie damit gerechnet, dass sich alles so einfach ergeben würde. Ihr Lachen kam zurück. Sie war wieder unbeschwert. Elisabeth klopfte sich stündlich selbst auf die Schulter, ihr schweres Los in den Griff bekommen zu haben und daraus weiser und stärker hervorgegangen zu sein. Sie konnte sich wieder fallen lassen. Eine Stimmung, die sie verloren glaubte. Schwerelose Momente. Unschuldiges Flirten. Verstohlene Blicke und eindeutige Anspielungen. Das erst Mal seit einigen Jahren wurde der kleine CD-Player im Schlafzimmer wieder benutzt. Einigen mag Kuschelrockmusik kitschig vorkommen. Für Elisabeth war es die Erfüllung. Eine Massage. Der Druck seiner Hände und Finger auf ihrer Haut war nicht zu fest, aber doch fest genug. Wie in “Und täglich grüßt das Murmeltier” drehte sie sich ab einem bestimmten Moment immer unter seinen Händen auf den Rücken. Innige Küsse folgten. Die Aufregung vom ersten Mal war nicht ganz verflogen. Jedoch war die Nervosität mittlerweile einer körperlichen Leidenschaft gewichen, die unsichtbar, aber deutlich spürbar, den Raum füllte. Seine Nähe. Seine Bewegungen. Seine Blicke. Elisabeth fühlte sich begehrt. Begehrenswert. Die Tränen waren vergessen. Das Schluchzen ins Kissen endlos entfernt. Nun genoss sie diese Momente. Sie schöpfte Kraft für die Tage und das Leben. Wenn die Sonne schien, so schien sie auch wieder für sie.

An einem Mittwoch führte Mark den Schlüssel behutsam in den Schließzylinder des Türschlosses der Wohnungstür. Er drehte den Schlüssel langsam im Schloss. Marks neckisches Grinsen flog über seine Lippen, als er den Bruchteil einer Sekunde den übertrieben großen Blumenstrauß beschaute. Sein Rucksack war schwer und prall gefüllt. Obst, Gemüse, Pasta, Hähnchenbrustfilets und eine Flasche Wein sollten einen ruhigen, zufriedenen und glücklichen Abend bereiten. Wie gewohnt schloss er die Tür, streift an der Eingangstür die Schuhe auf dem Läufer im Korridor ab und spähte in die Räume. Dann vernahm er die Musik. Während er die Klinke zum Schlafzimmer drückte, dachte er noch, dass seine Elisabeth wohl endlich die Fenster putzt. Nicht, dass er es von ihr erwartet hätte. Sie selbst schob dieses Vorhaben sei Monaten vor sich her.

Wie Mark sich getäuscht hatte. Statt einer Elisabeth mit einem Vileda-Lederlappen in der Hand sah er eine Elisabeth, die mit ihre zwei Hände fest ins Laken verkrallte. Den Kopf in das überdimensionierte Daunenfederkissen gepresst. Und Mark sah diesen Mann. Diesen Mann, der da nicht hineingehört. Nicht an die Stelle hinter dieser, seiner, Frau. Er vernahm seine Hände an ihrem Becken. Er vernahm auch seine Bewegungen. Marks Beine drohten nachzugeben. Unerwartet fuhr er mit seinem Sportwagen unangegurtet auf der Überholspur mit 200 gegen die Mauer. Von 200 auf 0 in einem Augenblick. Keine Vorzeichen. Zumindest keine, die Mark wahrnahm. Doch das interessierte ihn nicht.

Im Nachhinein war Mark sich nicht mehr sicher, ob seine Reaktion genetisch determiniert war oder es lediglich die logische Konsequenz der unerträglichen Situation war. Es ging alles ganz schnell. Zumindest wenn man nach dem unbestechlichen Ticken des Sekundenzeigers auf der Uhr geht. In Marks Erinnerung waren es Stunden. In jeder Sekunde durchflossen ihn unzählige Gedanken. Nur sein Körper weigerte sich. Keine Bewegung. Keine Regung. Starres Verharren im Zustand des größten anzunehmenden Unfalls. Mark wusste, dass diese Situation ihn auf lange Zeit vereinnahmen wird. Aber im jetzigen Moment ist dies nebensächlich. Der Blick des Mannes, dessen “Ach Du Scheisse” und das folgende Entsetzen seiner Frau. Seiner Gefährtin. Der Lügnerin. Des Miststückes. Ihr Blick voller Entsetzen. Sie war ertappt worden. Diese Scham bildete den Ausdruck in den Augen.

Mark spürte die Hitze in ihm aufsteigen. Die Welt begann sich um ihn zu drehen. Einen kurzen Moment schloss er seine Augen, holte tief Luft und ballte seine Fäuste. Anschließend stürmte er auf den Mann los. Packte ihn. Warf ihn gegen den Schrank. So fest wie er noch nie im Leben etwas umfasst hatte, griff er ihn am Nacken und führte ihn gebeugt und nackt zur Wohnungstür. Seine Sachen würde er ihm nicht wiedergeben. Schließlich hatte er es nicht weit. Es war der Nachbar. Zurück im Schlafzimmer entlud sich schon ein Sturm auf ihm. Elisabeths Worte drangen nicht zu ihm. Mark weiß heute auch nicht ob sie bei all den Tränen und dem Schluchzen überhaupt verständliche Silben bilden konnte. Ihm war es gleich. Von einer Sekunde auf die nächste war sie Geschichte. Sie rüttelte ihn. “Ich kann es Dir erklären. Lass uns bitte darüber reden. Es tut mir so leid. Du kannst nicht gehen” versuchte sie ihm zu sagen. Glaubt er zumindest heute. Aber es ist egal. In aller Ruhe, doch unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, nimmt er seine Reisetasche und packt seine Sachen zusammen. Nur die wichtigsten. Die transportablen. Am Abend würde er wiederkommen. Mit einem Freund. Nicht aus Angst er könnte überreagieren, sondern wegen dem großen Auto seines Kumpels. Für Mark war klar, dass er gehen muss. Nicht um Abstand zu
gewinnen, sondern weil er weiß, dass er nicht wiederkommen wird.

Beide gehen getrennte Wege. Beiden geht es seit diesem Mittwoch dreckig. Beide verloren viel. Welchen Wert dieses “viel” besaß müssen Elisabeth und Mark selbst herausfinden. Für Elisabeth ist klar, dass sie Mark verletzt hat. Sie hat ihn hintergangen und betrogen. Sie möchte ihn zurück, weil sie ihn so sehr liebt. Sie wüsste jetzt, dass er der richtige Mann für sie sei. Ihre Ausrutscher der letzten Wochen seien einmalige Patzer. Er solle es sich doch bitte überlegen. Sie brauche ihn. Sie liebe ihn. Sie werde sich ändern.

Mark weint viel. Er weint aber nicht wegen der Situation in die er geraten ist. Im Gegensatz zu Elisabeth vergießt er Tränen über der Vergangenheit. Er betrauert das Ende seiner Liebe zu Elisabeth. Die Bilder der Situation rauben ihm nicht mehr den Schlaf. Er kann wieder ruhig schlafen. Seine Tage sind trotzdem geprägt von Schwermut. Acht Jahre Beziehung schafft niemand von einem Tag auf den nächsten zu beenden. Ein Verdrängungstyp war Mark nie. Ein wenig leichtgläubig und naiv vielleicht. Aber nicht fern seiner Persönlichkeit. Elisabeth war Geschichte. Nicht das Schlafen mit diesem Mann schürte seine Wut. Wenn sie der Meinung war, es machen zu müssen, warum auch immer, dann solle sie es doch machen. Als sie ihn anlog und hintergang war sie respektlos. Respektlos auf eine Art und Weise, die durch nichts gerechtfertigt werden kann. So sieht er es. Er kennt sich gut und weiß, dass er dieses niemals verzeihen kann. Und es verwundert da auch nicht, dass seine Liebe in diesem Augenblick im Rahmen der Schlafzimmertür erlosch. Er schließt nicht aus, dass beide sich eines Tages wieder begegnen und sich wieder etwas ergibt. Er kann es sich gegenwärtig zwar nicht vorstellen, aber ausschließen möchte er es nicht. Sie hat ihn schwer getroffen, und dies gilt es jetzt zu überstehen.

Elisabeth sagt, dass sie es nicht verstehe, dass Mark nicht mehr mit ihr redet. Sie versteht seinen Schmerz, aber sie wisse ja, dass sie einen Fehler gemacht hat. Warum kommt er dennoch nicht zurück? Er sei doch der einzige. Sie liebe ihn über alles. Auf die Frage, warum sie es ihm nicht nach dem ersten Mal gesagt hat, antwortet sie: “Das hätte ihm seine Welt zerstört.” Überhaupt bekommt man das Gefühl, dass Elisabeth nichts genaues weiß. Was sie wolle, ist eine Beziehung mit Mark. Er solle ihr verzeihen. Ähnlich wie er es mit dem Fremdpetting vor 6 Jahren gemacht hat und wie er es hielt, als er vor 2 Jahren von den Küssen seiner Freundin mit einem anderen Mann erfuhr. Jetzt könnte doch alles wieder schön werden. Sie habe einen Fehler gemacht und sei schließlich auch nur ein Mensch. Sagt man “aber ein schlechter” dann ist sie beleidigt. Man müsse Fehler auch verzeihen können. Sie habe dafür gebüßt und sei bereit für Marks Rückkehr. Mit den Worten Vertrauen und Ehrlichkeit kann sie immer noch nichts anfangen. Und das sie nebenbei weiter mit Ihrem Nachbarn schläft, da sie ja bis Mark wiederkommt Single sei, hält sie doch tatsächlich nicht für schlimm.

(C.M.)

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Ein junges Paar tobt mit seinem Sohn über das kleine Rasenstück. Der kleine Naseweis ist ein süßer Fratz. Fragt man ihn wie alt er sei, so strahlt er Dich an und ruft voller Stolz „Vier”. Dabei hält er einem seine kleine Patschehand entgegen und muss den Daumen der linken Hand mit der rechten umknicken, da der Daumen noch nicht so will wie er. Der Junge hört auf den Namen Daniel und jagt, wie so oft, dem roten Gummiball hinterher. Seine Eltern kicken sich den Ball gegenseitig zu und beobachten ihren Sohn, wie er mit schier endlosem Elan und Ehrgeiz versucht, den ungleichen Kampf um den Ball für sich zu entscheiden. Nie wird Daniel quenglig weil er den Ball nicht bekommt. Es ist dann die Mutter, die ihm den Ball scheinbar zufällig in die Beine spielt. Mutter und Vater, eben auch Frau und Mann, tauschen zwischendurch immer wieder flüchtige Küsse und liebevolle Blicke miteinander. Solche Blicke, die nicht mehr grenzenlos feurig und forschend sind. Aber auch nicht Ausdruck von Gewohnheit. Sie sind nicht mehr unbeschreiblich. Und doch durchfährt den Außenstehenden ein wohlig warmes Gefühl, wenn er die tiefe Liebe und das gegenwärtige Glück dieser zwei Personen nur anhand eines einzigen Blickes spüren kann.

Wie die zwei Mädchen, junge Frauen eher, die wieder einmal auf der Bank am Wegesrand sitzen. Ohne feste Zeiten sitzen sie auf dieser Bank. Wieder steht eine Flasche Wein vor ihren Füßen. Steht auf dem Kiesweg. Die Sonne verfängt sich funkelnd im Flaschenhals. Es geht mal um dies. Mal um jenes. Ist eine der jungen Frauen verliebt, dann passt sich die Wirkung des Weins der Stimmung an. Der betörende Rausch des volltrunkenen Herzens wird scheinbar potenziert. Aber ist die Stimmung hingegen einmal schlecht, ist es, als würde der Wein die beiden mit seiner grausamen Art noch weiter in einen dunklen Schlund hinunterstoßen. An diesem Tag sind beide gut aufgelegt. Bester Stimmung. Sie kennen einander gut. Sehr gut sogar. Vermutlich den anderen besser, als der sich selbst. Das Glück einer echten Freundschaft. In allen Momenten und Lebenslagen stehen sie einander bei. Ohne Kompromisse.

Unmittelbar neben den beiden großen Flügeltüren des Hofdurchgangs sitzt ein älterer Herr auf seinem weißen Klappstuhl. Sobald es das Wetter zulässt, und da er nicht empfindlich ist, lässt es das Wetter eigentlich häufig zu, sitzt er auf eben jenem Stuhl und liest. Von Zeit zu Zeit löst sich sein Blick von der Zeitung, dem Journal oder dem Buch und er schaut auf die Menschen oder auf die Fassade des Altbaus. Auf die Bäume. Oder nur starr in den Himmel. Der ältere Herr ist Rentner. Er ist schlecht zu Fuß. Er ist wortkarg. Wirkt jedoch nicht verbittert. Er ist hilfsbereit und stets freundlich. Er grüßt jeden im Haus. Auch die, die es mit der Hausordnung nicht so genau nehmen und dem Leben in der Gemeinschaft dieses Hauses kaum Beachtung schenken. Und es ist nie ein falsches „Hallo.” Alles ist wie immer. Im Hof dieses Hauses.

Aber auch hinter den geöffneten, angekippten oder verschlossenen Fenstern des Hauses lacht, weint, schläft, arbeitet, leidet, liebt und hasst ein Jeder wie gewohnt. In ihren Welten. In ihren 4 Wänden. Für sich. Oder mit anderen Menschen. Mit Fortschritt. Mit Veränderung. Oder fest im Griff der Stagnation. Höhen und Tiefen. Wie gehabt. Fast.

Denn im zweiten Stock sitzt ein Mädchen in ihrem Zimmer. Sie folgt nicht den alltäglichen Bahnen ihres Lebens. Sie wird ihres beenden. Jetzt und hier. Und niemand weiß es. Keiner ahnt es. Jetzt noch nicht. Vielleicht kommen die Erkenntnisse später. Ob diese vermeintlichen Hinweise hätten helfen können ist ungewiss. Und im Moment als Daniel lauthals lacht, seine Eltern ihren Sohn glücklich anschauen, die beiden Mädchen sich fest umarmen – sich ihre Liebe zueinander versichern und der ältere Herr voller Stolz sein komplett gelöstes Kreuzworträtsel betrachtet, hört im tosenden Rauschen der Herzen im zweiten Stock ein anderes auf zu schlagen.

In Gedenken.

(C.M.)

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Sonnenuntergang

Jedes Geräusch dringt nur stark gedämpft zu ihm durch. Aus diesem wabernden Gewirr dumpfer Töne muss er versuchen die Wortfetzen zu sinnvollen Sätzen zu verbinden. Und diese unendliche Anstrengung wenn er selbst Töne produzieren möchte. So bleibt er lieber bei sich. In sich. Und hört seinen Gedanken zu. Ob das die bessere Wahl ist, würde selbst er nicht beschwören. Und so verharrt er in seinem Bett. Fast ohne jegliche Regung. In tiefer Umarmung mit seinen Gedanken. Und seinen Schmerzen. Auch ob seine physischen den psychischen Qualen, die er erleidet, überwiegen, vermag er nicht mehr zu sagen.

“Wieso habe ich nur so unendlich viel Zeit vergeudet? Mich über so verfickte Kleinigkeiten aufgeregt? Anstatt glücklich zu sein mir Probleme gemacht? Glücklich sein – das geht doch nicht – da muss es doch etwas geben um mir das Leben zu verhageln!”

So geht es Tag um Tag. Er liegt in seinem Bett. Den Kopf nicht etwa zum Fenster gerichtet. Nein, zur Wand. Starr starrt er auf die Raufasertapete. An der kleinste Holzspäne sich durch das Weiß der Farbe drücken. Und er seziert sein Leben. Tag für Tag – Tag für Tag! Wenn Leben Leiden ist, dann lebt er. Das pralle und lebendigste Leben, was sich vorgestellt werden kann. Er durchreist seine Vergangenheit und findet nahezu unzählige Momente, die er hätte anders leben wollen. Warum hatte er sich so um diese Frau bemüht? Warum hatte er so unendlich viel Geduld. Und letztlich auch: Warum hat er seine Liebe verschwendet? Selbst wenn ihn jemand an den Schultern packen und ihm sagen möchte, dass nie im Leben ein Moment der Liebe verschwendet sein kann, würde er es nicht mehr hören. Selbst wenn Zeiten und Menschen und Dinge sich ändern. Etwas bereuen? Warum auch? Hat nicht alles seinen Sinn? Auch wenn wir es nicht verstehen? Alles Phrasen mit denen er nichts mehr anfangen kann. Nichts mehr anfangen möchte. Er starrt die Wand an und errechnet sich sein Tableau des Versagens. Glückliche Momente? Gab es nicht! Sind vergessen. Oder zumindest ganz tief eingegraben.

Am nächsten Morgen dreht er sich mit dem Kopf zum Fenster. Er hört seit langer Zeit einmal wieder den morgendlichen Gesang der Vögel. Die Sonne geht langsam auf. Und er ist ein letztes Mal glücklich. Er hört sich zum letzten Mal den Satz sagen, den er an schlechten Tagen jedem ins Gesicht schmetterte, der ihn zu fragen wagte wie es ihm gehe.

“Bestens, hab nur Krebs im Endstadium!”

Und an diesem Morgen geht die Sonne für ihn unter.

(C.M.)

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